Ein verschneites Tal im Winter: Ein Bach fließt um die Felsen, eine Weide biegt sich unter dem Schnee, und klein auf dem Weg am Ufer geht ein Wanderer mit Strohhut.
Mit dem Lauf der Dinge gehen

Daoismus

Wasser fließt, Wolken ziehen, die Weide gibt unter dem Schnee nach. Der Daoismus lehrte den Ninja, mit dem Lauf der Dinge zu gehen statt gegen ihn.

Kapitel
5, Geistige Kräfte
Abschnitte
6
Lesezeit
4 Min.
Ein verschneites Tal im Winter: Ein Bach fließt um die Felsen, eine Weide biegt sich unter dem Schnee, und klein auf dem Weg am Ufer geht ein Wanderer mit Strohhut.
Mit dem Lauf der Dinge gehen

Was das Dao (道) ist, lässt sich kaum erklären. Schon der erste Vers von Laozis Daodejing (道徳経) warnt davor:

Das Dao, das man aussprechen kann, ist nicht das ewige Dao. Der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name.

Laozi, Daodejing

Der Daoismus ist eine Lebensweise: mit dem Lauf der Zeit gehen statt gegen ihn. Diesen natürlichen Lauf sieht man im strömenden Wasser, in den Flammen eines Feuers, in den Wolken, die über den Himmel ziehen.

Der Mensch strebt heute mehr denn je danach, alles zu beherrschen und zu kontrollieren, und richtet dabei furchtbare Dinge an. Der Daoismus bietet dazu eine gute Alternative.

Vielen bleibt diese Lehre allerdings verschlossen. Die Texte sind fast durchweg schwer verständlich und von großer Tiefe. Trotzdem lohnt sich ein Blick in die alten Werke von Meistern wie Laozi, Zhuangzi, Liezi und anderen Philosophen ihrer Zeit.

Yin und Yang

Wer den Daoismus verstehen will, beginnt bei der Polarität von Yin und Yang, japanisch in’yō 陰陽. Sie ist ein zentraler Teil der Lehre. Ihr Symbol mit der weißen und der schwarzen Seite haben Industrie und Medien längst als beliebte Handelsware ausgeschlachtet, und viele tragen es an einem Kettchen um den Hals, ohne zu wissen, was es bedeutet.

Das In’yō-Symbol mittig auf dem Blatt, umgeben von einem breiten Rand aus leerem Papier.
In’yō (陰陽), das Yin-Yang-Symbol

Im Westen wird das Zeichen immer wieder missverstanden. Es steht nicht für Gut und Böse, nicht für den ewigen Kampf zweier Kräfte und nicht für die christliche Lehre von Himmel und Hölle. Es zeigt eine Dualität, in der es kein gut und kein schlecht gibt. Jede Seite ist die Kehrseite der anderen: Ohne Hoch kein Tief, ohne Helligkeit kein Dunkel. Beide sind Aspekte desselben Systems. Verschwände die eine, verschwände auch die andere.

Die westliche Welt dagegen versucht, geprägt von der christlichen Lehre, eine Welt zu schaffen mit Freude ohne Leid, Reichtum ohne Armut, Gesundheit ohne Krankheit. Die westliche Medizin bekämpft deshalb meist die Symptome einer Krankheit, statt nach ihrer Ursache zu fragen. Ein chinesischer Arzt sucht zuerst die Ursache und dann einen Weg, das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Mit dem Strom

Jede Erfindung, die mehr von dem einen bringen soll, bringt automatisch auch mehr von dem anderen. Penizillin, Kernenergie, Autos, Computer: Was immer erfunden wird, um die Welt besser zu machen, schafft oft ebenso viele Probleme, wie es löst, oder mehr. Der Daoismus will keine der beiden Seiten vermeiden. Beide Seiten der Medaille sind richtig, weil das Universum sie annimmt. Das ist anfangs schwer zu begreifen, besonders für jemanden, der in einer christlich geprägten Welt aufgewachsen ist.

Das heißt nicht, Technik abzulehnen. Zerstörerisch wird sie in den Händen von Menschen, die nicht erkennen, dass sie demselben Prozess angehören wie alle Dinge im Universum.

Ein Jäger zieht in den Dschungel. Ist er weise, schießt er an einem Tag einen Affen, das reicht ihm, und er geht nach Hause. Ein schlechter Jäger schießt alle Affen der Gegend und freut sich über ein üppiges Mahl. Will er einige Zeit später wieder einen Affen jagen, muss er doppelt so weit laufen, bis er auf welche stößt.

Wer sich vom Universum getrennt sieht und versucht, es sich anzueignen oder zu unterwerfen, handelt gegen den Lauf der Dinge. Früher oder später scheitert er, und mit ihm sein Versuch, alles zu kontrollieren.

Winde, Gezeiten, Strömungen und Jahreszeiten zeigen das Prinzip von Werden und Vergehen. Der Daoist kämpft nicht gegen sie an. Er nutzt sie und geht „mit dem Strom“.

Dao

„Es gibt keinen anderen Weg als den Weg.“ Das Dao ist die höchste Wirklichkeit und Kraft des Universums, der Grund für Sein und Nichtsein. Es „tut“ nichts und lässt doch nichts „ungetan“. Mit Worten lässt es sich nicht bestimmen; es ist weder eine Idee noch ein Begriff. Es ist keine Energie, die das Universum durchzieht, und auch kein Gott. Vielleicht hat es die Götter oder den einen Gott hervorgebracht, doch es selbst ist kein Gott und kein Schöpfer.

Von selbst so

Das Dao ist das, was von selbst geschieht, auf Chinesisch ziran 自然: spontan, aus sich heraus, ohne Zwang.

Dem Dao kann man weder folgen noch nicht folgen. Man kann sich einbilden, außerhalb des Laufs der Dinge zu stehen, doch mehr als Einbildung ist das nicht.

Das Dao ist also der Lauf der Natur, die Ordnung des Universums. Es erzeugt sich selbst, besteht aus sich selbst und ist Nicht-Gesetz.

Harmonie stellt sich im Universum ein, wenn alle Dinge ihren eigenen Weg gehen dürfen. Im alten China regierten einige wenige Herrscher ihren Staat nach den Prinzipien des Dao, also mit möglichst wenigen Gesetzen, Strafen und Behörden. In ihrer Zeit, so heißt es, war der Friede im Land am stärksten. Doch jeder Versuch, das Dao in Worte zu fassen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die Ordnung des Dao

Trotzdem hat das Dao eine Struktur und Form, auf Chinesisch li. Es ist eine asymmetrische Ordnung, die sich nie wiederholt und keiner Regel folgt. Man erkennt sie im fließenden Wasser, in der Rinde eines Baumes, in Eiskristallen, in den Kieseln am Strand, in Muskelfasern und in der Form von Galaxien. Li ist eine Schönheit, die anzieht, ohne dass man sie erklären könnte. Wissenschaftliche Erklärungen wie die Oberflächenspannung oder mathematische Gesetze erfassen dieses Prinzip nicht.

Nicht-Handeln

Das Prinzip des Daoismus ist das Nicht-Handeln, auf Chinesisch wu wei 無為. Gemeint ist weder Trägheit noch Faulheit, weder Laisser-faire noch Passivität. Wu wei heißt, nicht gegen den natürlichen Lauf des Dao zu handeln. Es ist die Weide, die unter der Last des Schnees nachgibt, und nicht der hohe, starre Baum, dessen Äste brechen.

Wer das Dao verstanden hat, lebt wu wei. Auch die Ninja wandten dieses Prinzip an, als in shin ton kei: größtmögliche Wirkung bei geringstmöglichem Aufwand. Ein Ninja kannte die Gesetze der Natur und der Menschen so gut, dass er im Umgang mit ihnen nur ein Minimum an Kraft verbrauchte.