
Erleuchtung
Wissenschaftler, Arzt, Händler oder Krieger – jeder Weg kann zur Erleuchtung führen. Der Ninja wählte den Weg des Kriegers und folgte ihm ein Leben lang.
- Kapitel
- 5, Geistige Kräfte
- Abschnitte
- 5
- Lesezeit
- 4 Min.
Viele Wege, eine Wahrheit
Im ewigen Lauf des Universums ist ein Mensch kaum mehr als ein kurzer Funke. Trotzdem hat jeder einen Teil einer größeren Wahrheit zu erkennen und zu bewältigen. Das muss nicht bei allen dieselbe Einsicht sein: Jeder stellt eine andere Frage, und dieselbe Antwort stellt längst nicht jeden zufrieden.
Zu satori 悟り „Erleuchtung“
und Einsicht führen zahllose Wege. Wer den Weg des Wissens wählt, wird vielleicht Wissenschaftler. Wer den Weg des Heilens geht, wird Arzt oder Pfleger. Der Weg des Herrschens führt in die Politik oder zur eigenen Firma. Daneben gibt es den Weg des Dieners und den des Händlers.
Das ist nur eine kleine Auswahl. Einer der Wege ist der des Kriegers; ihn haben die bujin 武人 gewählt.
Den eigenen Weg finden
Der erste Schritt ist zugleich der schwerste: den passenden Weg zu finden und ihn zu betreten. Früher gab die Geburt den Weg vor. Heute ist die Wahl frei, und gerade diese Freiheit verwirrt manchen, ebenso wie die schiere Zahl der Möglichkeiten. Manche finden ihren Weg schon in der Jugend und gehen ihn unbeirrt bis zum Tod. Andere finden ihn erst spät, einige nie. Wieder andere wechseln mehrmals, bis sie Erfüllung finden.
Die Antworten am Ende mögen verschieden sein. Eines aber gilt für jeden Weg: Er ist Mittel zum Zweck und darf nie zum Selbstzweck werden.
Der Weg des Kriegers
Wer den Weg des Kriegers geht, gelangt vielleicht zu der Einsicht, dass jeder Konflikt sinnlos ist. Er arbeitet an seiner Kraft und Unverwundbarkeit, denn erst sie geben ihm die Freiheit, Liebe und Großmut zu wählen.
Oft bricht ein Krieger auf diesem Weg irgendwann zu einer Irrfahrt auf, dem musha shugyō 武者修行. Sie nimmt ihm die Heimat, die Bequemlichkeit und den geregelten Tagesablauf, Freunde, Familie, manchmal die eigene Sprache. Um damit zurechtzukommen, muss der Ninja anpassungsfähig und einfallsreich sein.
Vieles erschwert es, diesen Weg zu betreten und auf ihm zu bleiben. Am schwersten wiegt seine Ausschließlichkeit: Der Krieger widmet sich einem einzigen Aspekt des Daseins und folgt ihm jeden Tag seines Lebens mit ganzem Eifer.
Wer Kampfsport als Hobby betreibt, geht deshalb nicht den Weg des Kriegers. Dieser Weg ist eine lebenslange Verpflichtung, die alles verzehrt, nie endet und keine Abweichung duldet.
Was Erleuchtung ist
Das Wort ist schnell gesagt und schwer zu fassen. In Worte lässt sich Erleuchtung nicht bringen. Wenn sie aber in jemandem aufzublühen beginnt, erkennt er sie von selbst.
Der Schlüssel liegt darin, das ehrgeizige Streben nach Anerkennung loszulassen und sich ganz in einer Tätigkeit oder Situation zu verlieren, die einen völlig umfängt.
Nur selten kommt Erleuchtung plötzlich. Meist wächst sie langsam. Dieses Gefühl der Selbstlosigkeit kann eine großartige Umgebung auslösen, ein bedeutsames Ereignis oder das Abstreifen aller Zwänge. Im Moment der Wahrheit empfindet man Ehrfurcht, Freude, völliges Einssein und Lebenskraft.
Danach denkt man anders. Daraus erwachsen neue Einsichten, die Leben und Handeln von Grund auf verändern können, und alle bedrückende Schwere kann aus dem Leben verschwinden.
Für den Krieger bedeutet Erleuchtung die Erkenntnis, dass alles nur Illusion ist. Jedes Ding und jede Situation, ob man sie als gut oder schlecht bewertet, ist aus Sicht des Universums richtig und angemessen.
Name, Elemente, Leere
Ein Weg zur Erleuchtung führt über das Lösen aller Bindungen, die einen begrenzen. Symbolisch tragen sie drei Namen: Name, Elemente und Leere.
Name
Zum Namen gehört alles, was man bis zu diesem Punkt getan hat und was einem angetan wurde, auch alles, wogegen man sich machtlos fühlte. Dazu kommt alles Körperliche, Soziale, Familiäre und Genetische, das man seit der Geburt mit sich trägt. Ebenso die Talente und Fähigkeiten, die man sich mit der Zeit angeeignet hat, ja der ganze Körper und alle Neigungen.
Diese Bindung abzustreifen heißt, jede Schwäche abzulegen, mit der man glaubte leben zu müssen. Es heißt, alle Ausreden und selbstbegrenzenden Gewohnheiten aufzugeben, die man aus Bequemlichkeit pflegte. Sätze wie „Ich bin halt dick“
, „bei mir wachsen keine Muskeln“
oder „ich lerne das sowieso nie“
gibt es von da an nicht mehr. Das ist weit schwieriger, als es klingt.
Elemente
Die Elemente umfassen die Art, wie man auf Zwischenfälle reagiert. Dazu gehören Freunde und Feinde, die Stärken und Schwächen, die man im Lauf der Zeit erworben hat, und alle kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Einflüsse.
Sich von ihnen zu lösen heißt, alle gewohnten Methoden, Vorurteile, Ideale und blockierenden Meinungen über Bord zu werfen und das eigene Verständnis vom Leben neu zu durchdenken. Das ist schwer und verlangt viel Geduld und Ausdauer.
Leere
Die Leere steht für das eigene Potenzial und die eigene Kraft, das Leben zu formen und zu bestimmen. Wer sich mit ihr auseinandersetzt, gibt das sinnlose Vorhaben auf, alle Handlungen, Pläne und Wechselwirkungen allein auf vernunftmäßige und mechanische Prinzipien zu gründen.
Wer die Zeichen des Kosmos nicht deuten kann, führt ein Leben lang einen hoffnungslosen Kampf. Ebenso kann man in völlige Hilflosigkeit verfallen, wenn man sein ganzes Leben auf einen Wink vom Himmel wartet, auf hilfreiche Geister, die einen retten.
Man kann noch so viele Bücher und Ratgeber lesen: Wer sein Ziel nicht tief im Inneren verwurzelt, erreicht keine Erleuchtung.