
Die Regeln der Ninja
Erkunden ohne zu töten, Wahrheit und Lüge im Wechsel, jede Waffe beherrschen. Die zehn Regeln, die Hatsumi Masaaki aus der Erfahrung der Ninja ableitet.
- Kapitel
- 8, Regeln & Philosophie
- Abschnitte
- 2
- Lesezeit
- 5 Min.
Woher die Regeln stammen
Über tausend Jahre sollen die neun Traditionen des Ninjutsu überdauert haben. Den Grund dafür sieht Hatsumi Masaaki in seinem Buch Essence of Ninjutsu darin, dass jeder sōke 宗家 „Kopf der Familie“
seine Erfahrungen schriftlich und mündlich weitergab. Diese Familienoberhäupter riskierten ihr Leben, um die Erleuchtung zu erreichen, und aus ihren Erfahrungen wurden die Regeln der Ninja.
Geschaffen haben die Ninja diese Regeln, um göttliche Schwingen zu erlangen. Sie sind auf natürliche Weise entstanden und passen deshalb in jede Zeit und jede Situation. Wer ninpō taijutsu 忍法体術 trainiert, wird sich durch sie des kyojitsu tenkan hō 虚実転換法 bewusst, des richtigen Gebrauchs von Wahrheit und Lüge.
Hatsumi vergleicht die Regeln mit den „sieben Wegen, drei Richtungen“
der Ninja-Methode des Verkleidens: Sieben Geheimnisse der Verkleidung und drei Richtungen ergeben zusammen zehn. Und zehn steht für eine gute Kraft, die das Böse besiegt.
Die zehn Regeln
1. Erkunden und schützen
Mit Ninjutsu dringt der Ninja ins feindliche Lager ein und beobachtet die Lage. Daraus lassen sich Strategien für einen Überraschungsangriff oder für Unruhe im Inneren des Gegners entwickeln. Stellt sich der Feind gegen uns, bleibt keine Wahl, als nach dem Sieg zu streben. Normalerweise aber sollte man das eigene Selbst auslöschen, um sein Handeln zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.
Das feindliche Land ist hier etwas mit fester Gestalt. Hatsumi betont jedoch, dass sich Feinde auch in der Natur und in den Seelen anderer Menschen finden. All diese Bemühungen dienen den Herrschern und dem Land: Sie sollen das eigene Land und einen selbst schützen und den Frieden für beide Seiten sichern.
2. Gerechtigkeit statt Eigennutz
Der Ninja hilft den Herrschern und dem Land mit gerechtem Geist und kultiviert seine Seele für Lehrer und Eltern. Ninjutsu für den eigenen Profit, für persönliche Wünsche oder zur Unterhaltung zu benutzen, ist ihm verboten. Wer für die Gerechtigkeit kämpft, muss eines bedenken: Die Gerechtigkeit des Feindes wird oft fälschlich für keine Gerechtigkeit gehalten.
Lehrern und Eltern soll man seine Dienste anbieten. Eine japanische Regel besagt, dass die Verbindung zwischen Eltern und Kind eine Generation hält, die zwischen Mann und Frau zwei und die zwischen Lehrer und Schüler drei. Daran zeigt sich, wie tief man bei seinen Lehrern in der Schuld steht. Hatsumi spricht dabei auch von sich selbst: Fünfzehn Jahre nach dem Tod von Takamatsu Toshitsugu haben sich seine Schüler so entwickelt, dass er sie nun Schüler nennen kann.
Wer Ninjutsu zur Unterhaltung oder für Zaubervorführungen gebraucht, betreibt kein Ninjutsu mehr, sondern Zauberei oder Hexerei. So jemand kann nicht in einer Gesellschaft leben, in der man sich anderen öffnet. Er lebt mit Schlangen, Kröten und Schnecken in einer Welt, in der nie die Sonne scheint.
Ein Bewusstsein, das aus Eigennutz und egoistischen Wünschen kommt, schickt einen in eine Richtung ohne Ziel. Hatsumi vergleicht das mit einer Straßenbahn: Wer die Regeln der Ninja vergisst und mit gewalttätigen Gedanken aufspringt, kommt an der Endstation „Verbrecher“
, „Gefängnis“
oder „Stahlsarg“
an.
Das Ninjutsu hat dabei eine eigenartige Seite: Ein schlechter Ninja, der aus seinem Wissen Vorteile zieht, wirkt wie ein gewöhnlicher Händler oder ein dummer Verbrecher. Und so wie Gefolgsleute träge werden, sobald sich eine Trainingshalle fest etabliert hat, lassen die Fähigkeiten eines Ninja nach, wenn er sichtbar seinen Bedürfnissen nachgeht.
3. Wahrheit und Lüge
Großes Gewicht legt das Ninjutsu auf hojutsu, das Hatsumi mit dem kyojitsu tenkan hō gleichsetzt: die Methode, zwischen Wahrheit und Lüge hin- und herzuwechseln. Der Ninja kann taijutsu 体術 einsetzen, ohne sich dem Feind zu zeigen. Bleibt keine andere Wahl, greift er zum happō hiken 八法秘剣, den acht Methoden, ein Schwert zu führen, oder zu Ninja-Werkzeugen, um den Feind zu verwirren.
Diese Verwirrung ist entscheidend. Hojutsu greift eher den Geist an als den Körper. Der Ninja nutzt Erkundung, Spionage und Heimlichkeit und setzt Wahrheit und Lüge dicht nebeneinander ein, um sein Ziel zu erreichen.
4. Sprengstoff, Werkzeuge und Drogen
Ninja müssen Sprengstoff, Ninja-Werkzeuge und Drogen beherrschen, gute Medizin ebenso wie Gifte. Dabei gilt die Regel, einen Feind nicht zu töten. Die Ninja hatten erkannt, dass ein schlechtes Ende sie selbst zerstört. Ein Mensch ist tot, wenn sein Geist tot ist, auch wenn der Körper noch lebt. Diesen Geist der Gerechtigkeit haben die Ninja vorangetrieben.
5. Jede Waffe beherrschen
Ein Ninja verbringt viel Zeit mit dem Üben seiner Waffen. Geschrieben steht, er solle daraus Vorteil ziehen und von seinen Instinkten lernen. Der Gebrauch von Waffen ändert sich mit der Zeit, und was heute gilt, kann morgen ungültig sein. Deshalb soll man üben, mit jeder Waffe umgehen zu können.
Hatsumi erzählt von einem Besuch in New York. Alle staunten, dass er jede Waffe benutzen konnte, die man ihm in die Hand gab, und nannten ihn einen Zauberer.
6. Die Sprache der Natur
Ein Ninja sucht immer den direkten Kontakt mit Meteorologie, Physiographie und Geographie. Über Meteorologie und Physiographie versteht er den Wandel und das wahre Erscheinungsbild der Natur. Gemeint ist kein akademisches Lernen. Es ist eine Erfahrung, an der der ganze Körper beteiligt ist: Durch die Übertragung von Gefühlen und Empfindungen versteht man die stille Sprache der Natur. Man könnte es ein „Sprechen mit Gott“
nennen.
7. Den Kampf vermeiden
Zur Zeit des Bürgerkriegs in Japan wurden Ninja, die die Gesetze brachen, schwer bestraft. Selbst ihre engsten Verwandten wurden enthauptet, ins Exil geschickt oder verbannt. Je mehr der Krieg eskalierte, desto öfter gerieten Ninja in die tragische Lage, in den Grenzen dieser Regeln leben zu müssen. Daraus entstand ihre Philosophie, einen Kampf immer zu verhindern und sich davonzustehlen oder zu fliehen, bis er vorbei ist.
8. Nicht töten, nicht stehlen
Ninja dürfen niemanden töten, keine ehrbaren Menschen verletzen und weder Geld noch Wertsachen stehlen.
9. Körper und Vielseitigkeit
Ein Ninja kümmert sich immer um sich selbst. Er entwickelt einen starken Körper und schnelle Bewegungen und lernt und meistert so viele Dinge wie möglich. Hatsumi selbst liebt Musik, spielt E-Gitarre, tanzt japanische Tänze, malt und schreibt gern und arbeitet hart daran, die Seele des Ninjutsu zu entwickeln.
10. Weiter trainieren
Ninja hören nie auf zu trainieren. Das Training umfasst achtzehn Gebiete:
- geistige Entwicklung
- unbewaffneter Kampf
- Schwertkampf
- Stab- und Stockkampf
- Klingenwerfen
- Speerkampf
- Schwertlanze
- Kette und Sichel
- Feuer und Sprengstoff
- Verkleiden und Verkörpern anderer Personen
- Heimlichkeit und Einbruch
- Reiten
- Wassertraining
- Strategie
- Spionage
- Flucht und Verbergen
- Wetterkunde
- Landschaftskunde