Eine kleine Gestalt sitzt nachts auf einem Felsgipfel unter einem weiten Sternenhimmel mit der Milchstraße; unter ihr liegen mondbeschienene Täler und Berge.
Die Augen Gottes

Essenz des Ninjutsu

Selbstschutz, Ausdauer und ein gütiges Herz. Was Takamatsu Toshitsugu und Hatsumi Masaaki für den Kern des Ninjutsu halten und warum Kampftechnik allein nicht genügt.

Kapitel
8, Regeln & Philosophie
Abschnitte
2
Lesezeit
3 Min.

Takamatsu Toshitsugu

Selbstschutz und das Abwenden von Gefahr: Darauf laufen nach Takamatsu Toshitsugu alle Kampfkünste und alle militärischen Strategien hinaus. In Hatsumi Masaakis Buch Essence of Ninjutsu erklärt er, warum gerade das Ninjutsu diesen Gedanken am vollständigsten umsetzt: Es schützt den Körper und ebenso den Geist.

Der Weg des Ninja ist für Takamatsu ein Weg des Ertragens und des Überlebens, ein Weg, der über alles siegt, was einen Menschen zerstören will. Schläge und Hiebe sind dabei das Wenigste, und auch den Feind zu überlisten trifft nicht den Kern. Ninjutsu bedeutet, zu erreichen, was man tatsächlich braucht, und die Welt dabei zu einem besseren Ort zu machen.

Die richtige Motivation

Die Fähigkeit des Ninja ist die Kunst zu gewinnen. Entscheidend ist deshalb, mit welcher Motivation jemand das Training beginnt. Fehlt die richtige Geisteshaltung, führen Kampftechniken auf Dauer nicht zur Entwicklung der eigenen Person, sondern zur Zerstörung.

Takamatsu sieht darin nichts Besonderes. Alles Nützliche im Leben schadet, wenn man es ins Extreme treibt, und er nennt vier Beispiele:

  • Die Medizin soll die Gesundheit verbessern und Leiden lindern. Durch den Missbrauch von Medikamenten und die Übermacht der Ärzte hat der Einzelne seine Gesundheit aber nicht mehr selbst in der Hand.
  • Eine nahrhafte, ausgewogene Ernährung hält lebendig, kräftig und gesund. Wer maßlos isst und trinkt oder zu viele Chemikalien zu sich nimmt, vergiftet damit am sichersten seinen Körper.
  • Regierungen sollen dafür sorgen, dass alle Teile einer Gesellschaft harmonisch zusammenwirken. Sind die Herrscher gierig, machthungrig oder unweise, folgen sinnlose Kriege, Unordnung und kulturelles wie wirtschaftliches Chaos.
  • Eine Religion, die auf Vertrauen aus Erfahrung beruht, auf einem weiten, suchenden Geist und auf dem unermüdlichen Streben nach universellem Verständnis, schenkt den Menschen Inspiration und Trost. Verliert sie diese Grundlage, wird sie gefährlich: Sie täuscht, kontrolliert und belastet die Menschen, indem sie ihren Glauben und ihre Ängste ausnutzt.

Mit den Kampfkünsten verhält es sich genauso. Die Kunst des Selbstschutzes soll inneren Frieden und Sicherheit schaffen. Doch oft wird sie ohne eine ausgeglichene Persönlichkeit betrieben, und dann treibt sie die geringeren Kampfkünstler in eine verzerrte Welt aus endlosem Konflikt und Wettkampf, die sie am Ende verzehrt.

Die Augen Gottes

Wer der Essenz des Ninjutsu aufrichtig folgt, frei von selbstsüchtigen Wünschen, erkennt nach Takamatsu das letzte Geheimnis der Unverwundbarkeit: den „Geist und die Augen Gottes“.

Eine kleine Gestalt sitzt nachts auf einem Felsgipfel unter einem weiten Sternenhimmel mit der Milchstraße; unter ihr liegen mondbeschienene Täler und Berge.
Die Augen Gottes

Siegen wird, wer mit dem Plan des Ganzen in Einklang ist und intuitiv weiß, wie sich das Schicksal entfaltet. Der Ninja richtet sich nach der Vorsehung des Himmels und der unbestechlichen Gerechtigkeit der Natur, folgt einem klaren, reinen Herzen und vertraut auf das Unvermeidliche. So gewinnt er das Verständnis, das ihn in der Schlacht leitet: wann er erobern muss und wann er sich vor dem Feind verbergen muss.

Der Kosmos ist schön in seiner kühlen, unpersönlichen Ganzheit. Er enthält alles, was wir gut oder böse nennen, und die Antworten auf alle Widersprüche um uns herum. Öffnet der Ninja Augen und Geist, kann er den feinen Zyklen und Gründen des Himmels folgen. Er verändert sich, wenn Veränderung nötig ist, und passt sich immer wieder an, bis ihn am Ende nichts mehr überraschen kann.

Hatsumi Masaaki

Für Hatsumi Masaaki sind die Überlebensmethoden für Körper und Geist, für die Japans Ninja berühmt wurden, die Quelle aller japanischen Kampfkünste. Deshalb sollte das ninpō 忍法, die höhere Ordnung des Ninjutsu, der Welt als Leitbild für alle Kampfkünste angeboten werden.

Wer nicht umfassend und ganzheitlich in allen Bereichen der Kampfkünste trainiert, so Hatsumi, lernt nur die Grenzen seiner Muskelkraft kennen. Erleuchtung erreicht nur, wer ganz in die Traditionen der Kampfkünste eintritt und sie als Lebensweg begreift.

Das gütige Herz

Der Übende begegnet der Gefahr, erlebt die Übermacht von Angst, Verletzung und Tod und lernt, wie seine eigenen Kräfte und Grenzen wirken. Daraus erwächst eine Stärke und Unbesiegbarkeit, die es erlaubt, sich an Blumen im Wind zu freuen, die Liebe anderer zu schätzen und mit dem Frieden in der Gesellschaft zufrieden zu sein.

Erkennbar wird diese Erleuchtung an jihi no kokoro 慈悲の心, dem gütigen Herzen. Es ist stärker als die Liebe selbst und umfasst alles, was der universellen Gerechtigkeit dient und den universellen Plan sichtbar macht. Das gütige Herz des ninpō entsteht, indem man immer wieder die Grenze zwischen Leben und Tod beschreitet, und es ist der Schlüssel zu Harmonie und Verständnis zwischen beiden.

Ein Krieger in schlichter Kleidung hat sein Schwert ins Gras gelegt und kniet lächelnd neben Wildblumen, die sich im Wind biegen; im Tal dahinter liegt ein Dorf.
Jihi no kokoro (慈悲の心), das gütige Herz

Viele Generationen lang lag die Lebensphilosophie der Ninja vergessen im Schatten der Vergangenheit. Nun tritt sie wieder hervor, denn nach Hatsumi ist erneut eine Zeit angebrochen, die das ninpō braucht. Seine Hoffnung: dass der Frieden siegt und die Menschheit auf die nächste, höhere Stufe wachsen kann.