Eine Landschaft von links nach rechts: ein gewaltiger Felsblock, ein Bach über Steinen, eine Hütte mit glimmendem Feuer, vom Wind gebeugtes Gras und rechts ein offener, leerer Himmel über einer Ebene; auf einem Felsvorsprung sitzt ein Mönch in Meditation.
Von der Erde bis zur Leere

Godai

Erde, Wasser, Feuer, Wind und Leere. Über die fünf Elemente des Godai suchten die Ninja die Zusammenhänge der Schöpfung zu verstehen – und damit sich selbst.

Kapitel
5, Geistige Kräfte
Abschnitte
6
Lesezeit
4 Min.
Eine Landschaft von links nach rechts: ein gewaltiger Felsblock, ein Bach über Steinen, eine Hütte mit glimmendem Feuer, vom Wind gebeugtes Gras und rechts ein offener, leerer Himmel über einer Ebene; auf einem Felsvorsprung sitzt ein Mönch in Meditation.
Von der Erde bis zur Leere

Entwicklung eines natürlichen Bewusstseins

Die Ninja wollten „durch und durch natürliche Wesen“ werden. Ihr Ziel war das kiai-Bewusstsein (気合). Dazu muss man das Wirken der kosmischen Gesetze, des Universalbewusstseins, unmittelbar am eigenen Leib erfahren. Man beobachtet die Natur ohne Vorurteil und versteht die eigene Verbindung zu allen Dingen. Das führt zur Selbsterkenntnis.

Die Ninja nutzten dafür zwei Systeme, die Natur zu betrachten: das godai 五大 und das gogyō 五行.

Fünf elementare Erscheinungsformen

Das godai stammt aus dem mikkyō 密教. Es lehrt, dass alles Körperliche aus einer Quelle kommt und sich einer von fünf grundlegenden Erscheinungsformen zuordnen lässt:

  • Kū (空, Leere): der Ursprung der subatomaren Energie, das Nichts, der Anfang aller Dinge
  • Fū (風, Wind): die gasförmigen Elemente
  • Ka (火, Feuer): die Energie abgebenden Elemente
  • Sui (水, Wasser): die flüssigen Elemente
  • Chi (地, Erde): die festen Elemente
Ein altes, moosbewachsenes Steinmonument aus fünf übereinandergesetzten Teilen – Würfel, Kugel, Pyramide, Halbmond und Juwel – steht zwischen hohen Zedern im Bergwald; ein Pilger mit Rückenkorb verneigt sich davor mit gefalteten Händen.
Ein gorintō in den Bergen

Die Erschaffung des Universums

Wie das Prinzip gemeint ist, zeigt ein Blick auf die Entstehung des Universums. In der Leere (kū) entstanden Polarität und elektromagnetische Ladungen. Aus ihnen bildeten sich Atome und Elektronen und damit die verschiedenen Gase (fū). Reagierten diese Gase miteinander, geschah das auf der Ebene, die Energie abgibt (ka). Die Moleküle, die dabei entstanden, wurden zu Dampf (sui). Daraus ging schließlich feste Materie hervor (chi).

Das ist eine stark vereinfachte Darstellung der Schöpfung, doch sie hilft beim Verständnis. Auch der Mensch lässt sich so betrachten. Knochen, Zähne, Muskeln und Sehnen sind feste Materie, die Körperflüssigkeiten flüssige. Körperwärme und Verbrennung entsprechen dem Feuer, die Atmung der Luft. Die Leere zeigt sich in der Fähigkeit zu Sprache und Verständigung.

Fünf Ebenen des Bewusstseins

Auch das menschliche Bewusstsein wechselt zwischen diesen Ebenen hin und her. Jeder ist eine Farbe, ein Sitz im Körper und ein Beispiel aus der Natur zugeordnet:

Ebene Farbe Sitz Beispiel
Erde Rot Basis der Wirbelsäule Felsen
Wasser Orange hara 腹, die untere Bauchhöhle Pflanzen
Feuer Gelb Solarplexus, an der unteren Spitze des Brustbeins wilde Tiere
Luft Grün Mitte des Brustkorbs –
Leere Blau Hals –

Erde

Auf der Ebene der Erde spürt man die eigene Stabilität. Man stemmt sich gegen Veränderung und Bewegung und wünscht sich, dass die Dinge bleiben, wie sie sind. Felsen verkörpern diese Ebene: Sie bewegen sich nicht, wachsen nicht und verändern sich nicht, solange niemand auf sie einwirkt.

Wasser

Auf der Ebene des Wassers nimmt man die eigenen Gefühle und Körperflüssigkeiten wahr. Anpassung und Reaktion prägen sie. Man reagiert auf alles, was geschieht, und neigt zu schwermütigen Gefühlen. Pflanzen sind das beste Beispiel: Sie wachsen und passen sich ihrer Umwelt an, beherrschen können sie sie nicht.

Feuer

Auf der Ebene des Feuers erlebt man die eigene dynamische, ausgreifende Natur. Man empfindet Freude und Wärme, will die Umwelt unterwerfen und kennt sein geistiges und körperliches Potenzial. Wilde Tiere stehen für diese Ebene. Sie können sich erinnern, denken und suchen Lust und Freude.

Luft

Auf der Ebene der Luft spürt man Weisheit und Liebe. Man erkennt den eigenen Verstand und das eigene Wohlwollen und begegnet anderen mit Mitgefühl und Verständnis.

Leere

Die Ebene der Leere bringt Kreativität mit sich und die Fähigkeit, von jeder Ebene in jede andere zu wechseln.

Fünf Arten zu kämpfen

Jede Ebene hat ihren eigenen Kämpfer.

Eine Küstenlandschaft: Wellen brechen sich an einem gewaltigen Felsblock, auf dem Hang dahinter brennt ein Buschfeuer, Gras und Kiefern biegen sich im Sturm, und zwei Männer kämpfen sich gebückt gegen den Wind voran; darüber ein weiter, leerer Himmel.
Die fünf Elemente in einer Landschaft

Der Kämpfer der Erde lässt sich nicht beeindrucken. Er steht stabil und hält jedem Angriff stand. Wer gegen ihn kämpft, kämpft gegen einen Felsblock.

Der Kämpfer des Wassers ist ständig in Bewegung. Er weicht aus und bewegt sich plötzlich und unerwartet. Gegen ihn zu kämpfen ist wie ein Kampf gegen die Wellen: Sie weichen zurück und schlagen erneut zu.

Der Kämpfer des Feuers kämpft mit wilder Entschlossenheit, hart und heftig. Er gleicht einem Buschfeuer – je härter man auf die Flammen schlägt, desto stärker brennen sie.

Der Kämpfer der Luft kämpft defensiv. Er schützt sich, fügt dem Gegner aber kaum Schaden zu. Er fängt Angriffe ab und leitet Energie um. Der Kampf gegen ihn gleicht einem Kampf gegen den Wind: Er tänzelt um den Gegner herum, ohne dass dieser ihn zu fassen bekommt.

Auf der Ebene der Leere gibt es keinen Kampf. Gedanken, Worte und Taten schaffen eine Lage, in der es gar nicht erst zum Kampf kommt.

Die Elemente im täglichen Leben

Jede Ebene kann sich positiv oder negativ äußern. Bei der Erde ist die positive Seite Stabilität, die negative selbstzerstörerische Sturheit. Beim Wasser steht Flexibilität gegen Gefühlsduselei, beim Feuer aggressive Lebenskraft gegen überwältigende Angst. Bei der Luft kann sich die positive Seite als Weisheit und Liebe zeigen, die negative als Vergeistigung, die die Wahrheit verdeckt.

Wie jemand mit Angst, Freude oder Langeweile umgeht, welche Filme er liebt, was ihn antreibt, wie er diskutiert oder welche Ratschläge er gibt: Alles lässt sich einer der elementaren Ebenen zuordnen. Die meisten Menschen wechseln zwischen den Ebenen, manche haben sich auf einer eingependelt. Von „gut“ oder „schlecht“ kann dabei keine Rede sein. Alles ist richtig und stimmig, weil alles Teil des Universums ist. So lässt sich verstehen, was einen Menschen antreibt und welche Probleme ihn quälen.