Ein abgeerntetes Reisfeld bei Mondschein: Auf dem Damm zieht eine Patrouille mit Laternen vorbei, im Feld steht ein vermummter Ninja reglos zwischen Strohgarben, und ein zweiter liegt flach in einer Furche.
Verborgen auf dem offenen Feld

Onshin jutsu

Schon das Zeichen Nin im Wort Ninja bedeutet ausharren, erdulden und verbergen. Das Verstecken ist der Kern des Ninjutsu – und eine Kunst mit festen Regeln.

Kapitel
6, Strategie & Taktik
Abschnitte
3
Lesezeit
5 Min.
Ein abgeerntetes Reisfeld bei Mondschein: Auf dem Damm zieht eine Patrouille mit Laternen vorbei, im Feld steht ein vermummter Ninja reglos zwischen Strohgarben, und ein zweiter liegt flach in einer Furche.
Verborgen auf dem offenen Feld

Die Kunst des Versteckens

Wer versteckt ist, kann in relativer Sicherheit beobachten oder auf den richtigen Augenblick warten. Verstecken ist deshalb die wohl wirksamste Methode, sich zu schützen. Die Kunst, sich zu verstecken, zu verbergen, zu tarnen und unsichtbar zu machen, heißt onshin jutsu (隠身術), auch inton 隠遁 oder inpō 隠法. Sie gliedert sich in drei Bereiche:

  • Kein Licht zurückwerfen, keine Geräusche und keine Gerüche verursachen
  • Die Fähigkeit des Gegners lähmen, zu sehen und zu hören
  • Verkleiden und Schauspielern

Am Anfang stehen die eigenen Sinne. Wer sich verstecken will, schärft sie zuerst und probiert aus, wie Farben, Formen, Geräusche, Entfernungen und Gerüche wirken. Erst dann versteht er die Zusammenhänge und kann vermeiden, aufzufallen.

Die fünf Methoden des Inpō

Auf der Grundlage des godai 五大 entstand ein Prinzip, das die Ninja beim Verbergen anwandten. Es ähnelt stark dem gotonpō 五遁法. Streng trennen lassen sich die Bereiche nicht, denn jeder steht mit einem anderen in direkter Wechselwirkung.

Chi – Methode der Erde

  • Die Erde nutzen
  • Verstecken in Erdlöchern, Mulden und Felsspalten oder hinter Steinen (uzura gakure no jutsu, „die Kunst, sich wie eine Wachtel zu verstecken“)
  • Pflanzen zur Tarnung nutzen
Ein Burggarten bei Mondschein mit geharktem Kies, bemoosten Felsen und einer Steinlaterne, während auf der Veranda eine Wache mit Laterne vorbeigeht.
Uzura gakure, zusammengerollt wie ein Stein

Sui – Methode des Wassers

  • Verstecken im oder unter Wasser
  • Verbergen hinter künstlichen Schilfinseln

Ka – Methode des Feuers

  • Tarnung durch Licht, Schatten und Geräusche
  • Lautlose Bewegung
  • Auf Schattenwurf und Reflexionen achten
  • Dämmerung, Nebel oder Regen zur Tarnung nutzen

Fū – Methode der Luft

  • Verbergen an erhöhten Stellen wie Bäumen oder Masten
  • Verstecken in Baumkronen
  • Verbergen auf Giebeln

Kū – Methode der Leere

  • Tarnung, wenn keine natürlichen Hilfsmittel zur Verfügung stehen
  • Zusammenrollen, um wie ein Felsbrocken auszusehen
  • Reglos im Feld stehen, um wie eine Vogelscheuche zu wirken
  • Verbergen in Säcken, Körben, Fässern und anderen Behältern
  • Verstecken unter Fußböden oder in Zwischenräumen
Ein abgeerntetes Reisfeld in der Abenddämmerung: Zwischen Vogelscheuchen aus Stroh steht ein vermummter Ninja mit ausgebreiteten Armen, während auf dem Damm dahinter Soldaten vorbeiziehen.
Reglos wie eine Vogelscheuche

Grundregeln der Tarnung

Was Tarnung nicht leistet

Tarnung verbirgt den Körper, sie schützt ihn nicht vor Waffen und Granaten. Auch völlige Dunkelheit bedeutet nicht von selbst Sicherheit: Der Gegner kann Restlichtverstärker, Infrarot- und Wärmebildgeräte einsetzen. Wer im Licht eines Suchscheinwerfers oder einer Leuchtkugel entdeckt wird, macht sich klein und bewegt sich nicht mehr.

Kleidung und Tarnmittel

Im Dunkeln gibt es keine Farben. Ob man helles Rot oder Schwarz trägt, ist dann gleichgültig. Weil aber jederzeit Licht einfallen kann, sind dunklere Farben die bessere Wahl. Ein unregelmäßiges Muster und matte Stoffe sind sogar einem tiefen Schwarz vorzuziehen. Auch Gesicht und Hände werden in einem unregelmäßigen Muster getarnt.

Natürliche Tarnmittel müssen oft erneuert werden, denn welkes oder vertrocknetes Grün fällt auf. Sie müssen zur Gegend passen und so angebracht sein, wie die Pflanzen wachsen: Die Unterseiten der Blätter zeigen nach innen. Künstliche Tarnung wie Streifen, Tarnnetze und Tarngirlanden wirkt ähnlich wie natürliche Vegetation.

Bewegen und Spuren

Im Halbdunkel verraten schnelle, hektische Bewegungen. Bewegungen sind deshalb langsam und gleitend. Muss es schnell gehen, dann dicht am Boden und nur kurz. Besonders gefährlich sind Bewegungen quer zur Blickrichtung des Gegners.

Wer weite Flächen überqueren muss, plant die Route vorher und springt von Deckung zu Deckung, nie lange geradeaus. Spuren werden vermieden oder beseitigt, frische Erde von einem Aushub abgedeckt oder weggeschafft. Schlagschatten von Gegenständen oder Personen sind zu vermeiden, und eine Lichtquelle darf unter keinen Umständen zu sehen sein.

Die Schwertscheide als Sonde

In völliger Dunkelheit orientierte sich der Ninja mit einem Trick. Er setzte die saya 鞘 auf die Spitze seiner Klinge und hielt ihr Band mit den Zähnen fest, damit sie nicht herunterfiel. So wurde die Scheide zur Sonde. Durch die doppelte Länge von Scheide und Klinge blieb er stets außer Reichweite dessen, was er damit ertastete, ob Gegenstand oder Mensch. Stieß er auf einen Gegner, ließ er die saya einfach fallen und hatte das Schwert sofort schlagbereit in der Hand.

Ein vermummter Ninja in Schwarz schiebt sich durch einen dunklen Raum, in den durch ein Gitterfenster ein schmaler Lichtstrahl fällt. Er hält das Schwert mit aufgesetzter Scheide waagerecht vor sich, das Band der Scheide führt zu seinem Mund.
Die Schwertscheide als Sonde im Dunkeln

Zeit und Wetter

Am besten erkundet man ein Gebiet schon bei Tageslicht und prägt sich das Gelände ein. Mondnächte eignen sich besonders für Beobachtungsaufträge, mondlose Nächte für Infiltration, Exfiltration und Kampfeinsätze. Regen verschluckt die eigenen Geräusche und schränkt die Sicht des Gegners ein. Außerdem werden Wachen bei Regen unaufmerksamer und halten sich seltener im Freien auf.

Sehen in der Nacht

Das Auge braucht bis zu 20 Minuten, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, an Helligkeit dagegen nur wenige Sekunden. Ein direkter Blick in weißes Licht ist deshalb unbedingt zu vermeiden. Wer Karten lesen oder Geräte bedienen muss, nimmt Rotlicht. Fällt Licht ein, schützt man die Augen, sonst ist die Nachtsicht verloren.

Beobachtet wird am besten aus einer tiefen Position gegen den Horizont, aus Mulden und Erdlöchern heraus. Wer im Dunkeln angestrengt auf einen Punkt starrt, erkennt sein Ziel schlechter, und vor den Augen scheint ein schwarzer Punkt zu tanzen. Besser lässt man den Blick um das Ziel kreisen. Hält man die Hände trichterförmig vor die Augen, sieht man besser.

Die Nacht täuscht. Gegenstände scheinen sich zu bewegen und Form und Farbe zu wechseln. Sie wirken größer und Entfernungen weiter; ein plötzlich aufleuchtendes Licht dagegen scheint näher zu sein.

Kommt es zur direkten Konfrontation, lässt sich die Sicht des Gegners einschränken oder ganz nehmen: mit Rauchbomben, chemischen Gasen, Sprühmitteln, Blendpulver oder grellen Lichtblitzen.

Hören und gehört werden

Bei leichtem Wind trägt der Schall im offenen Gelände erstaunlich weit:

Entfernung Geräusch
70 m Schritte in Stiefeln auf Grasboden
100–150 m Flüstern
130 m Knacken von Zweigen
150 m Schritte in Stiefeln auf einem Feldweg
150 m Unvorsichtige Unterhaltung mehrerer Personen
300 m Marschierende Truppen
600 m Einschlagen von Pfählen
1.000 m Ein Spaten trifft auf einen Stein
3.000 m Motoren- und Kettengeräusche von Fahrzeugen

Legt man das Ohr auf den Boden, hört man besser. Um ein Geräusch zu orten, dreht man den Kopf in seine Richtung und legt bei Bedarf die Hände hinter die Ohrmuscheln.

Vor allem aber gilt es, selbst keine Geräusche zu machen. Gespräche werden nur geflüstert oder ganz vermieden, besser verständigt man sich mit Handzeichen.

Auch auf den eigenen Körpergeruch ist zu achten. Beim Menschen ist der Geruchssinn zwar am schwächsten ausgebildet, doch die Wachen können Hunde bei sich haben. Man nähert sich deshalb am besten gegen den Wind.