
Shichi hō de
Der Gegner sieht ihn, aber er nimmt ihn nicht wahr. Mit dem Shichi hō de, den sieben Wegen des Gehens, nutzte der Ninja den Filter im Kopf jedes Menschen, um in der Masse zu verschwinden.
- Kapitel
- 6, Strategie & Taktik
- Abschnitte
- 4
- Lesezeit
- 5 Min.
Untertauchen in der Reizflut
Eine Flöte, allein gespielt, hört jeder. Im Konzert verschwindet sie in der Masse der Töne und ist nur selten herauszuhören.
Mit einem schönen Ölgemälde ist es ebenso. Hängt es allein an einer Wand, fällt es auf. Hängt es mit vielen anderen in einem Saal, geht es unter.
Im Alltag begegnen uns zahllose Menschen, und die meisten nehmen wir nur flüchtig oder gar nicht wahr. Je größer die Stadt, desto stärker wirkt dieser Effekt. Auf dem Land fällt ein Fremder unter Umständen sofort auf, in der Großstadt bewegt er sich unbehelligt.
Das Bewusstsein filtert alles heraus, was zum Überleben nicht nötig ist. Durch diesen Filter dringen nur Menschen, die wir kennen, und solche mit auffälliger Statur, besonderem Auftreten oder körperlichen Merkmalen. Alle anderen nehmen wir zwar meist wahr, vielleicht kreuzen sich im Vorbeigehen sogar die Blicke. Doch nach wenigen Augenblicken sind die meisten wieder aus dem Bewusstsein verschwunden.
Für den Ninja des Mittelalters hieß das: Die meiste Zeit eines Auftrags war er in einer unauffälligen Verkleidung unterwegs. Nur einen sehr kleinen Teil seiner Aufträge erledigte er im typischen schwarzen Kampfanzug.
Die sieben Verkleidungen im Mittelalter
Das mittelalterliche System des shichi hō de (七方出) bestand aus sieben Verkleidungen, sieben Berufsgruppen, denen man damals häufig begegnete. Es war ein Denkmodell, keine Grenze. Der Ninja passte seine Verkleidung stets der Umgebung und dem Zweck an und trat auch als Arzt, Reisender, Bauer, Soldat, Fischer oder in einer anderen Rolle auf.
- akindo 商人, Händler
- hōkashi, Musiker
- komusō 虚無僧, Wanderpriester
- rōnin 浪人, herrenloser Samurai
- sarugaku, Unterhaltungskünstler
- shukke, buddhistischer Mönch
- yamabushi 山伏, kriegerischer Bergasket
Zwei Künste gehören zum shichi hō de. Das hensō jutsu 変装術 „die Kunst des Verkleidens“
lehrte den Ninja, eine Verkleidung anzulegen und sie dem eigenen Körper anzupassen. Das gisō jutsu 擬装術 „die Kunst, sich in andere hineinzudenken“
lehrte ihn, eine Person nachzuahmen: welche Merkmale und Eigenschaften er dafür verinnerlichen musste.
Eine moderne Anpassung
Als Samurai unauffällig durch ein Einsatzgebiet zu gehen, ist heute nicht mehr möglich. Die Methoden des Ninjutsu sind jedoch zeitlos, sie müssen nur von Zeit zu Zeit angepasst werden. Stephen K. Hayes hat eine zeitgemäße Fassung des shichi hō de entwickelt, mit sieben Gruppen.
Akademiker
Studenten, Lehrer, Wissenschaftler, technische Spezialisten, Künstler und Idealisten. Wer diese Rolle wählt, kennt die Universität, Schule oder Einrichtung, zu der er angeblich gehört, und beherrscht meist auch ein eigenes Fachgebiet. Ein Künstler muss Werke vorzeigen und sein Talent beweisen können, ein Idealist sich mit der Idee identifizieren, für die er eintritt.
Geschäftsleute
Verkäufer, Händler, Büroangestellte, Sekretäre, Buchhalter und Geschäftsinhaber. Hier braucht man Grundkenntnisse im eigenen Fach und das Auftreten einer Geschäftsperson; Erfahrung und Branchenkenntnis müssen spürbar sein. Visitenkarten, Geschäftsberichte und andere Papiere werden gefälscht.
Landleute
Bauern, Viehzüchter, Förster, Holzfäller, Wanderarbeiter und alle, die man sonst auf dem Land antrifft. Wer hier auftritt, muss etwas von Kühen, Ackerbau oder Forstwirtschaft verstehen, mit Traktoren, Landmaschinen oder Jagdwaffen umgehen und Papiere wie einen Jagd- oder Angelschein vorweisen können. Diese Rolle ist wohl die schwerste: Auf dem Land fällt ein Fremder sofort auf und wird genau beäugt.
Geistliche
Priester, Rabbiner, Prediger, Missionare, Sektenführer und unter Umständen auch Sozialhelfer. Wer sich als einer von ihnen ausgibt, muss die Regeln, Vorschriften und Tabus seiner Religion genau kennen. Gebetsregeln, Speisevorschriften und bestimmte Verhaltensweisen sind strikt einzuhalten.
Personen des öffentlichen Lebens
Unterhaltungskünstler, Schauspieler, Musiker, Spitzensportler, Politiker, Reporter, Models und andere Gestalten der Boulevardpresse. Gefragt sind ein gewisses Können im eigenen Fach und das passende Auftreten, dazu Autogrammkarten, Bildmaterial, Parteiunterlagen und Ähnliches.
Arbeiter und Handwerker
Alle, die mit dem Körper arbeiten: Bauarbeiter, Maler, Gärtner, Kraftfahrer, Klempner. Werkzeug und Fachwissen gehören zur Rolle. Zu bedenken ist außerdem, dass man körperliche Arbeit unter Umständen am Körper ansieht.
Uniformierte
Reparaturtrupps, Mitarbeiter von Wasserwerken und Stromgesellschaften, Gefängniswärter, Polizisten, Krankenpfleger, Soldaten, Sicherheitsbeamte und Wachleute. Mit dieser Tarnung kommt man wohl am weitesten, vielleicht sogar in sicherheitsrelevante Bereiche. Die nötigen Papiere und Genehmigungen sind selbstverständlich Pflicht.
Damit sind die Möglichkeiten längst nicht erschöpft. Ein Ninja von heute lässt sich von keiner Grenze aufhalten und gibt seiner Fantasie freien Lauf.
Anpassung an die Verkleidung
Die richtige Rolle ist nicht die, die sich am leichtesten spielen lässt, sondern die, die den Ninja am nächsten an sein Ziel bringt. Der Weg dorthin kann mühsam sein. Unter Umständen muss er sich erst eine Weile in eine Gruppe von Arbeitern einfügen, bevor er an seinen Zielort oder zu seiner Zielperson gelangt.
Typ
Die Rolle muss zum eigenen Typ passen. Eine kleine, schlanke Person mit weicher Haut spielt keinen Bauarbeiter, ohne ein Risiko einzugehen. Einem jungen Menschen nimmt niemand den Firmenchef oder den Würdenträger ab, einem älteren niemand den Studenten.
Haare und Körperform
Am einfachsten lassen sich Frisur und Haarfarbe ändern. Die Körperform zu verändern ist weit schwieriger und kostet viel Zeit oder eine aufwendige Kostümierung. Haltung, Gang und Benehmen lassen sich durch ausdauerndes Üben anpassen, Verkleidung, Make-up und Kostüm dagegen leicht.
Wissen und Fähigkeiten
Viel schwerer fällt es dem Ninja, sich das Fachwissen einer Berufsgruppe anzueignen. Bücher, Hochschulen und Kurse bereiten auf einen Beruf vor. Doch es kann passieren, dass er sein Wissen beweisen muss, und je nach Beruf ist das unterschiedlich schwer.
Sprache
Auch die Sprache ist ein schwieriger Teil der Verwandlung. Ein erfahrener Ninja spricht so wenig wie möglich, um sich nicht zu verraten. In manchen Berufen wirkt übertriebene Zurückhaltung zwar verdächtig. Schweigen ist aber meist sicherer, weil man so nicht in ein Hin und Her aus Fragen und Antworten gerät. Aussprache, Sprachniveau und Akzent müssen stimmen, Fachsprache, Redewendungen und Umgangssprache unbedingt zur Rolle passen. Im Ausland kommt die Fremdsprache hinzu: Wer nicht akzentfrei spricht, fällt sofort als Fremder auf.
Einsatzgebiet
Wichtig ist auch, die Geografie des Einsatzgebiets zu kennen. Der Ninja kennt die Fluchtwege und findet sich an seinem Arbeitsplatz zurecht.
Psyche
Wer die Rolle eines anderen Menschen übernimmt, muss auch dessen Psychologie verinnerlichen. Vielleicht muss er Dinge sagen, die ihm zuwider sind, oder sich so benehmen, wie er es sonst verabscheut. Ohne gespielte Überzeugung wirkt die Rolle nicht überzeugend genug.
Zu bedenken ist auch, dass die meisten Menschen Beruf und Privatleben trennen. Polizisten reden nicht ständig über Verbrechen und deren Bekämpfung.
Beim shichi hō de stellt sich der Ninja mit ganzem Geist auf seine Rolle ein und wird zeitweise ein anderer Mensch. Er darf sich aber nicht so sehr in ihr verlieren, dass er nicht mehr zu seinem alten Ich zurückkehren kann oder will. Dafür braucht es eine ausgesprochen starke Persönlichkeit.