In einer belebten Straße einer Burgstadt sitzt ein Mann in schlichtem Kimono lächelnd mit zwei Soldaten in Rüstung beim Tee; im Hintergrund ragen Burgtor und Hauptturm auf.
Ein eingeschleuster Agent in der Stadt

Chōhō

Ein einziger Spion kann einen Krieg um Jahre verkürzen. Aufklärung und Spionage waren im Mittelalter das wichtigste Einsatzgebiet der Ninja – und ein fester Teil ihrer Ausbildung.

Kapitel
6, Strategie & Taktik
Abschnitte
11
Lesezeit
9 Min.

Erste Erwähnung der Spionage

Ein Heer von hunderttausend Mann über weite Strecken marschieren zu lassen, kostet viele Menschenleben und leert die Staatskasse. Feindliche Armeen stehen sich oft jahrelang gegenüber, um am Ende an einem einzigen Tag über den Sieg zu entscheiden. Das schrieb Sun Tzu in Die Kunst des Krieges, dem chinesischen Klassiker der Kriegsführung. Dort findet sich auch eine der frühesten Erwähnungen der Spionage (chōhō, 諜報). Sun Tzus Urteil über einen Feldherrn, der am Sold für Kundschafter spart, ist deutlich:

Über die Lage des Feindes im Dunkeln zu bleiben, nur weil man hundert Unzen Silber für Belohnung und Sold scheut, ist der Gipfel der Unmenschlichkeit.

Sun Tzu, Die Kunst des Krieges

Im frühen China war es üblich, den Sieg mit ungeheuren Truppenmassen zu erzwingen. Für Land und Gesellschaft waren die Folgen katastrophal: unzählige lange, blutige Schlachten mit Tausenden Toten, manche Kriege über mehrere Generationen.

Auch heute ziehen Feldherren oft lange Feldzüge mit hohen Verlusten an Menschen und Material vor. Man hebt Stellungen aus und verschanzt sich. Dabei könnte ein einziger Spion oder Saboteur den Krieg um Jahre verkürzen.

Regeln für den Krieg?

Krieg ist ein Zustand, den man nicht hinnehmen darf, und ein Ninja würde nie zulassen, dass sein Herr einen Krieg anzettelt. Wird aber die Freiheit des eigenen Landes angegriffen und ist man gezwungen, sich zu verteidigen, dann tut ein Ninja alles, um den Konflikt so schnell wie möglich zu beenden.

Es sagt viel über unsere Welt, dass heute Regeln für den Krieg aufgestellt werden. Krieg ist kein Spiel.

Verständlich sind Regeln, die die Zivilbevölkerung vor Massakern schützen sollen. Fraglich ist jedoch, was sie nützen, wenn Diktatoren und Tyrannen sich ohnehin nicht daran halten. Und wie immer entscheidet der Sieger über die Bestrafung; Sieger müssen sich nur in den seltensten Fällen vor einem Gericht verantworten.

Umso bedenklicher ist es, dass diese Kriegsgesetze Spionage und Sabotage als niederträchtig und verachtenswert einstufen, während Langstreckenraketen, Panzerschlachten und Infanterie als Teil der „normalen“ Kriegsführung gelten.

Spionage verkürzt Kriege

Die Geschichte hat oft genug gezeigt, dass diese „verachtenswerten“ Spione Hunderttausenden Soldaten das Leben gerettet haben. Der Spion Klaus Fuchs verriet der Sowjetunion Geheimnisse der amerikanischen Atombombe und verkürzte ihr den Weg zur eigenen. Der Deutsche Hans-Thilo Schmidt verkaufte dem französischen Geheimdienst Unterlagen zur Enigma, mit denen polnische Kryptologen die Maschine entschlüsselten. Später erbeutete die britische Marine auf U-Booten Maschinen und Codebücher. Dass die Alliierten den deutschen Funkverkehr mitlesen konnten, bewahrte Tausende Nachschubschiffe vor der Versenkung. Die britischen Commandos griffen die besetzte Küste an: In Saint-Nazaire setzten sie 1942 das größte Trockendock am Atlantik außer Gefecht. Norwegische Saboteure sprengten 1943 die Schwerwasserfabrik in Vemork und bremsten die deutsche Atomforschung. Hinweise des polnischen Widerstands führten zur Bombardierung von Peenemünde, die das V2-Programm verzögerte, wenn auch nicht verhinderte. Und der deutsche Journalist Richard Sorge meldete der Sowjetunion 1941 aus Tōkyō, dass Japan keine Invasion plante. So konnte Stalin Truppen aus Sibirien abziehen und gegen Deutschland vor Moskau einsetzen.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wer eigentlich Recht und Unrecht definiert und welche Interessen er dabei verfolgt.

Anonymität

Spionage beruht auf Anonymität. Sie war das Erfolgsrezept der Ninja und hatte einen eigenen Namen: mumei mugei no jutsu („kein Name, keine Kunst“). Um anonym zu bleiben, sorgte der Ninja dafür, dass niemand sein wahres Gesicht kannte.

Drohte die Gefangennahme, soll sich mancher das Gesicht zerschnitten haben, damit man ihn nicht erkannte, oder schnitt sich die Zunge heraus, um nichts verraten zu können. Manchmal gingen zwei Ninja gemeinsam auf eine Mission. Wurde der eine gefasst, hatte der andere den Befehl, ihn zu töten.

Nach dem Prinzip des yomogami no jutsu („eine Frisur muss von allen vier Seiten betrachtet gleich aussehen“) legte sich ein Ninja stets mehrere Namen und Identitäten zurecht. Der berühmte jōnin 上忍 Momochi Sandayū soll sogar mehrere Familien gehabt haben, jede mit Kind und Haus. Einer beliebten, aber unbelegten Theorie nach war er zugleich der jōnin Fujibayashi Nagato. Ein Mann hätte so zwei verschiedene Gruppen von Ninja angeführt.

Spionage dient dazu, sich im Krieg einen Vorteil zu verschaffen. Schon reine Aufklärung verrät Stärke, Bewaffnung und mehr über den Feind, und mit diesem Wissen lassen sich Feldzüge besser planen.

Arten der Spionage

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Bereiche: Spionage in Friedenszeiten (tōiri, 遠入) und Spionage und Sabotage im Krieg (chikairi, 近入).

Wer spionierte oder einen Sabotageakt plante, musste sechs Punkte beachten, damit die Mission gelang. Die folgenden Abschnitte beschreiben sie der Reihe nach.

Ninja platzieren

Während der gesamten Mission durfte ein Ninja nicht auffallen. Dazu brauchte er ein möglichst gewöhnliches Auftreten und Aussehen.

Eine Möglichkeit war, Agenten schon in Friedenszeiten in Gebieten zu platzieren, in denen Krieg oder Unruhen drohten. Im Frieden war es weit leichter, sich in eine Gesellschaft einzufügen und sie zu unterwandern.

Der Ninja lebte sich in seinem Einsatzgebiet ein und wurde Teil der Gesellschaft. Er knüpfte Kontakte, sondierte mögliche Verbündete, führte viele Gespräche, beobachtete Objekte und arbeitete sich in die nötigen Informationen ein.

In einer belebten Straße einer Burgstadt sitzt ein Mann in schlichtem Kimono lächelnd mit zwei Soldaten in Rüstung beim Tee; im Hintergrund ragen Burgtor und Hauptturm auf.
Ein eingeschleuster Agent in der Stadt

Wo es ging, besetzten er und seine Agenten Schlüsselstellen im Militär oder im Nachrichtenwesen. Im Krieg ist das kaum noch möglich, weil die Überprüfungen zu streng sind. Außerdem zeichnete er Karten, die den Truppen im Krieg das Vorankommen erleichterten.

Eine andere Möglichkeit war, den Feind zu verwirren oder im Unklaren zu lassen und ihn in falscher Sicherheit zu wiegen. Dazu ließ man einen Boten mit Dokumenten abfangen, die nur falsche oder fehlerhafte Informationen enthielten. Auf diese Weise konnte man sich auch eines Verräters in den eigenen Reihen entledigen, indem man ihn wissentlich mit Falschinformationen ausstattete.

Spione

Für einen Spionage- oder Sabotageauftrag gab es fünf Arten von Spionen:

  • Einheimische Spione stammten aus dem Einsatzgebiet und kannten Geografie, Sprache, Bräuche und Bewohner. Tarnen ließ sich ein solcher Spion schwer, weil ihn alle kannten.
  • Innere Spione wurden in den Reihen des Gegners angeworben: degradierte Männer, bestrafte Kriminelle, geldgierige Menschen.
  • Überlebende Spione drangen nur für die Dauer ihrer Mission ins Feindesland ein und kehrten danach nach Hause zurück.
  • Übergelaufene Spione oder Doppelagenten waren feindliche Spione, die die Seite gewechselt hatten. Sie blieben ein großes Risiko, denn ihre Treue konnte erneut wechseln, und vielleicht spielten sie in Wahrheit für die andere Seite.
  • Todgeweihte Spione waren bei ihrem Herrn in Ungnade gefallen oder hatten sich als Verräter oder Doppelagenten entpuppt. Man schickte sie in den Tod, versorgte sie aber vorher noch eine Weile mit falschen Informationen und nutzte sie meist für eine letzte List.

Kunoichi

Auch kunoichi くノ一 ließen sich im feindlichen Gebiet platzieren. Frauen wurden meist nicht behelligt und kamen näher an Feldherren und Samurai heran. Ihre Mittel waren Intuition, Psychologie und Manipulation. Man unterschied zwei Arten:

  • Shimma kunoichi waren weibliche Mitglieder eines Ninja-Ryū, im Kampf und in besonderen Taktiken und Strategien ausgebildet. Meist führte ein männlicher kantō kusha (Kommandeur) eine Gruppe von kunoichi. Er unterstützte sie, nahm ihre Informationen entgegen und half ihnen, wenn sie fliehen mussten.
  • Karima kunoichi waren die zahlreichen Frauen, die einer kunoichi wissentlich oder unwissentlich Informationen zutrugen. Nur selten hatten sie eine kurze Einweisung in die Spionage erhalten. Eine kunoichi hielt sich Informantinnen aus dem Umfeld der Burg ebenso wie Frauen niederen Standes, etwa Prostituierte und Bäuerinnen.
In einem Feldlager hinter Stoffwänden mit Wappen beugen sich ein Feldherr und seine Offiziere in Rüstung über eine Karte, während eine Frau im Kimono kniend Tee serviert.
Eine kunoichi im Lager des Feldherrn

Verräter nutzen

Man konnte auch die Leute des Feindes für die eigenen Zwecke einspannen. Die Ninja suchten Unzufriedene und stifteten sie zum Verrat an, nach dem Prinzip des gojō goyoku 五情五欲 Manipulation durch die fünf Wünsche. Ein Verräter von hohem Rang war natürlich weit wertvoller als ein einfacher. Hilfe suchten die Ninja aber auch in der Bevölkerung, meist schon im Frieden. Ein Ninja unterstützte etwa eine Familie mit Geld. Im Krieg musste sie ihm dafür zu Diensten sein: ihm ihr Haus als Unterschlupf öffnen, kleinere Informanten- und Spionagedienste leisten oder vielleicht sogar ihre Tochter als Konkubine an den feindlichen Fürsten geben, um Zugang zur Festung zu verschaffen.

Manchmal schickte man zwei Agenten auf dieselbe Mission, ohne dass einer vom anderen wusste. So erhielt man ein objektiveres Bild der Lage und konnte zugleich Doppelagenten leicht enttarnen.

Einen enttarnten feindlichen Agenten konnte man eine Weile mit falschen Informationen füttern und ihn dann durch eine offensichtliche Täuschung bei seinem Herrn in Misskredit bringen. Danach wurde er entweder getötet, oder ihm blieb nur noch das Überlaufen.

Auch ein eigener Agent ließ sich einsetzen. Nach einem scheinbaren Streit oder für mehr Geld trennte er sich von seinem alten Herrn, ließ sich beim Feind anwerben und diente ihm eine Weile. Es soll sogar vorgekommen sein, dass ein Ninja im Auftrag des feindlichen Herrn einige Ninja seines eigenen Clans tötete, bevor er seinen Auftrag erfüllte und zu seinem alten Herrn zurückkehrte.

Eine beliebte Taktik war kami gakure no jutsu („die Kunst, sich hinter Gott zu verstecken“): die Annäherung an das Ziel über Umwege. War die Zielperson zu stark bewacht, erkundigte sich der Ninja im buddhistischen Tempel oder im Shintō-Schrein nach ihren Verwandten. Dann versuchte er, sich mit einem Verwandten oder engen Vertrauten anzufreunden, und kam so früher oder später in die Nähe seines Ziels.

In einem stillen Tempelhof unter einem alten Ginkgo mit gelbem Laub spricht ein Wanderer mit Rückentrage einen Mönch an, der ihm auf der Treppe des Tempels den Weg weist.
Hinter den Göttern verborgen

Ziele bestimmen

Als Nächstes musste der Ninja herausfinden, welche Ziele der Feind verfolgte. Dazu beobachtete ein Team das feindliche Gebiet über längere Zeit.

Spione aus dem engeren Kreis der Vertrauten wussten vielleicht mehr über die Pläne des Feindes. Ein solcher Spion verschaffte sich Zugang zu streng geheimen Räumen und Dokumenten und versuchte, den Gegner zu durchschauen.

Strategien bestimmen

Dann galt es, die Strategien des Feindes zu erkennen und zu analysieren. Der Ninja musste herausfinden, wer Schlüsselstellungen innehatte, welche Codes und Losungen die Wachen benutzten, auf welchem Weg der Nachschub den Feind erreichte und welche Routen Patrouillen und Soldaten nahmen. Außerdem musste der Ninja das feindliche Spionagenetz aufdecken und es wenn möglich behindern oder zerstören.

Verwirrung säen

Falsche Informationen, Gerüchte und gefälschte Nachrichten sollten den Feind verwirren und verunsichern. In dieser Phase schürte der Ninja auch Zwietracht und Unzufriedenheit unter den Soldaten und spielte sie gegeneinander aus. Als angeblicher „Überlebender“ konnte er in die Burg des Feindes kommen und von einem Feldzug erzählen, von Truppen und Bewegungen, die es nicht gab oder die anderswo stattfanden. Oder er jagte den Soldaten mit Berichten über nächtliche Morde in anderen Lagern Angst ein. Dann taten sie kein Auge mehr zu, und ihre Moral und Kampfbereitschaft sanken.

Taktiken bestimmen

Von Beobachtungsposten aus erkundete der Ninja Kampftaktiken, Schlachtpläne, Stärken und Schwächen des Gegners. Er fand heraus, wie der feindliche Feldherr seine Truppen aufstellte und bewegte, wie stark und wie bewaffnet sie waren und welche geheimen Techniken und Taktiken er hatte. Er ermittelte, wo und wann der Nachschub eintraf und ob weitere Truppen zur Unterstützung in der Nähe lagen. Hatte ein Befehlshaber schlechte Gewohnheiten in der Kriegsführung, bestärkte ihn der Ninja darin.

Teilte der Feind seine Kräfte auf, förderte man das. War seine Front schwach, drängte man den eigenen General, durch die schwache Front zu stoßen. Hatte der Feind eine starke Mitte, riet der Ninja dem General, die Flanken anzugreifen und die Truppen von hinten aufzurollen.

Gegenspionage

Zugleich musste der Ninja die eigenen Pläne vor dem Gegner geheim halten. Einer verdächtigen Person spielte man „wichtige“ Dokumente zu und wartete ab, wie sie reagierte: yamabiko shichō no jutsu („die Kunst, auf das Echo zu lauschen“). War ein gegnerischer Spion erkannt, galt es abzuwägen, ob man ihn beseitigte oder am Leben ließ. Ließ man ihn leben, versorgte man ihn natürlich gezielt mit falschen Informationen.

Auch die Kampftechniken der Ryū blieben streng geheim. Manche Ryū hatten sogar eigene Techniken, die man Fremden zeigen konnte und die einzig zur Täuschung erfunden worden waren.

Den eigenen General überzeugte man, neue Techniken auszuprobieren und keine Befehle nach Schema zu erteilen. So blieb der Gegner bis zum entscheidenden Augenblick über die Wahrheit im Unklaren.