Bei strömendem Regen kauern gepanzerte Wachen unter dem Dach eines Burgtors um ein kleines Feuer, während hinter ihnen eine dunkle Gestalt über den nassen Platz geht.
Die Vögel im Regen

Heihō

Ein Scheinangriff, ein Mantel im Wind, eine Wache, die bei Regen lieber am Feuer sitzt – mit solchen Listen gelangten Ninja durch feindliches Gebiet und in bewachte Burgen.

Kapitel
6, Strategie & Taktik
Abschnitte
4
Lesezeit
3 Min.

Infiltration der feindlichen Linien

Um durch die feindlichen Linien in sein Einsatzgebiet zu gelangen, brauchte ein Ninja Einfallsreichtum.

Beliebt war ein Scheinangriff (ennyū no jutsu): Ein Trupp Ninja oder Samurai griff zum Schein an, und während alle Truppen zur Abwehr eilten, gelangte der Ninja ungehindert in die Festung. Manchmal verkleidete er sich auch als einfacher Fußsoldat. Diese Soldaten wurden meist unter Bauern rekrutiert, niemand kannte ihre Identität, und so bewegte sich der Ninja unbehelligt zwischen ihnen.

Manchmal verdingte sich ein ganzer Trupp Ninja beim Feind als Söldner und kam so ungehindert ins Einsatzgebiet. Beim Bau der Burg in Iga mischten sich Ninja unter die Arbeiter. Dabei fanden sie die Schwachstellen der Festung heraus, und dieses Wissen verhalf ihnen später zum Sieg.

Strategien für eine Infiltration

Wer in eine feindliche Burg oder ein feindliches Lager wollte, musste zuerst den richtigen Zeitpunkt abwarten (nyūkyo no jutsu, „die Kunst der Invasion“). Günstig war der Moment, in dem die feindliche Streitmacht das Lager für einen Feldzug verlassen hatte: Der Ninja stieg über die Befestigungswälle und öffnete seinen Truppen die Tore. Eine andere Gelegenheit bot ein Lager, das erst seit wenigen Tagen stand, oder eines, in dem gerade neue Truppen eingetroffen waren. Dann war noch nichts richtig organisiert, und es fiel leicht, unterzutauchen.

Auch der Tagesablauf im Lager öffnete Lücken. Der Ninja nutzte die Koch- und Essenszeiten, die Fütterung der Pferde und die Ruhezeiten, um sich Zugang zu verschaffen.

Besonders gut eignete sich die Nacht nach einer Feier, nach einem Unfall oder Todesfall oder nach der Genesung eines Kranken. Auch nach einer gewonnenen oder verlorenen Schlacht war es einfach, ins Lager zu gelangen.

Das Wetter spielte ihm in die Hände. Bei Regen, Schnee und Sturm und in mondlosen Nächten griff er an.

Selbst die Schlafgewohnheiten der Gegner flossen in die Planung ein. Im Frühjahr und Sommer schlafen Menschen tiefer, also griff der Ninja bevorzugt in diesen Jahreszeiten an. Im Herbst und Winter ist der Schlaf der meisten Menschen leichter, deshalb mied er diese Zeit. Er wusste auch, dass ältere Menschen weniger Schlaf brauchen und dass Dicke meist gut, Dünne meist schlecht schlafen.

Dann erkundete er die Schwachstellen der feindlichen Verteidigung (monomi no jutsu, 物見の術). Er bevorzugte Zimmer, in die man leichter einbrechen konnte, meist solche, die weit von Küche, Speisesaal oder Vorratskammer entfernt lagen. Er suchte nach Hintertüren und nach unbenutzten Räumen wie Gästezimmern.

Der Mensch als Schwachstelle

Auch die Menschen, die eine Burg verteidigten, hatten ihre Schwachstellen (nyūdaki no jutsu). Der Ninja nutzte Faulheit, Dummheit und andere Eigenheiten der Wachen zu seinem Vorteil. Bei Regen oder Kälte (ametori no jutsu, „die Kunst der Vögel im Regen“) blieben die Wachen ihrem Posten gern fern oder taten ihren Dienst nur halbherzig. Und jede Ablenkung vom langweiligen Wachdienst nahmen sie meist mit Freude an.

Bei strömendem Regen kauern gepanzerte Wachen unter dem Dach eines Burgtors um ein kleines Feuer, während hinter ihnen eine dunkle Gestalt über den nassen Platz geht.
Die Vögel im Regen

Manchmal warf der Ninja einen Gegenstand über den Kopf einer Wache hinweg, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken (yōji gakure no jutsu). Das wiederholte er so lange, bis die Wache keine Lust mehr hatte, jedem Knacken im Geäst nachzugehen. Zusätzlich ließ sie sich mit Tierlauten verwirren.

Eine beliebte List war ein Mantel, den der Ninja im Freien aufhängte. Im Wind verursachte er Geräusche und lockte die Wachen an, während der Ninja unbehelligt weiterschlich.

Zwei Wachen mit Speeren und Laternen wenden sich nachts im Burggarten einem dunklen Mantel zu, der im Wind an einem Ast flattert, während hinter ihnen ein Ninja an der Mauer entlangschleicht.
Der Mantel im Wind

Kontakt mit Menschen vermeiden

Auf seinen nächtlichen Einsätzen wich der Ninja grundsätzlich jedem Menschen aus. Jeder Zusammenstoß hielt ihn auf, kostete Zeit und konnte den ganzen Auftrag scheitern lassen. Musste er doch einmal eine Wache töten, versuchte er, die Leiche ins dichte Geäst eines Baumes zu tragen.

Gern nutzte er den Aberglauben der Menschen aus (kyōnin no jutsu). Teufelsmasken, Feuerspucken, vermeintlich böse Tiere wie Schlangen, Kröten, Ratten oder Raben – er setzte alles ein, was ihm einen Vorteil verschaffte.

Sollte er unter den Gegnern Angst und Schrecken verbreiten, griff er bevorzugt aus dem Hinterhalt an, schlug hart zu und zog sich wieder zurück. So zersetzte er die Kampfmoral der Truppen.

Oft versteckte er sich schon vor der Schlacht im Gebälk der Burg und wartete. Dann legte er an verschiedenen Stellen Feuer, sabotierte Munitionsdepots und Vorratskammern, verunreinigte Brunnen und zerstörte Ausrüstung.

Ein Ninja in Schwarz liegt flach auf einem Dachbalken über einem Burggang, durch den unter ihm gepanzerte Wachen mit Laternen gehen.
Warten im Gebälk