
Sanmitsu
Gedanke, Wort und Tat sind die drei Geheimnisse des Mikkyō. Wie Mandala, Mantra und Mudrā sie verkörpern und warum ein gefaltetes Handzeichen allein keine Wunden heilt.
- Kapitel
- 5, Geistige Kräfte
- Abschnitte
- 4
- Lesezeit
- 5 Min.
Das mikkyō 密教 kennt drei Kräfte, die als sanmitsu 三密 „die drei Geheimnisse“
bekannt sind: Gedanke, Wort und Tat. Das mandala 曼荼羅 steht für den Gedanken, das mantra 真言 für das Wort, die mudrā 印相 für die Tat.
Mandala
Dem mandala entspricht im Japanischen nenriki 念力, die gebündelte Absicht. Es verkörpert den Willen des Ninja.
Das ninpō mikkyō 忍法密教 betrachtet den Aufbau des Universums auf zwei Weisen, die einander völlig entgegengesetzt sind. Zur Einsicht gelangt nur, wer beide übt.
Der Blick von innen
Der erste Weg betrachtet den Lauf des Universums von innen. Der Ninja richtet seine Aufmerksamkeit auf die körperlichen Erscheinungen und sucht von diesem Standpunkt aus Verständnis.
Für diese stoffliche Welt, die „Welt des Nährbodens“
, steht das taizōkai mandara 胎蔵界曼荼羅. Der Ninja betrachtet es und denkt über den Sinn des Kunstwerks nach. Dabei erkennt er, dass alles in diesem einen Universum existiert: die Galaxien, Sternhaufen, Sternsysteme, Sterne und Planeten, die Tiere und Menschen, die Wörter, Farben, Formen und Gedanken.
Alles, was wir im Leben tun, wirkt auf diesen Kreislauf ein. Es wird wahrgenommen, weil es in Gott geschieht – und umgekehrt ist Gott in jedem dieser Dinge gegenwärtig. So weitet sich der Blick für größere Zusammenhänge, und vielleicht zeigt sich, dass alle Gegensätze und Paradoxa in diesem Universum ihren Platz haben.
Der Blick von oben
Der zweite Weg hebt den Geist über das Universum. Der Ninja löst sich vom eigenen Ich und überblickt das Ganze. So erkennt er die kosmischen Gesetze und begreift die feinen Fäden, die alle Dinge im Universum miteinander verknüpfen und voneinander abhängig machen.
Für diese geistige Welt, die „Welt des Diamanten“
, steht das kongōkai mandara 金剛界曼荼羅. Der Diamant bedeutet hier Härte, Klarheit und reines Wissen: die endgültige Wahrheit.
Der Ninja erkennt, dass die Wirklichkeit, die er sieht, nur eine subjektive Ansicht dessen ist, was wirklich ist. Alles um uns hat nur die Form, die ihm unsere kosmischen Gesetze verleihen und die unser Bewusstsein formt. Wer die stoffliche Welt hinter sich lässt und die kosmischen Gesetze erfährt, erlangt kanjin kaname 肝心要, „das Wesentliche“
. Die Lehre des Togakure-Ryū setzt es mit shinshin shingan 神心神眼 gleich, „dem Geist und den Augen Gottes“
. Von dieser höheren, erleuchteten Ebene blickt er auf die Erde herab.
Beide Wege
Wer nur einen der beiden Wege übt, gerät aus dem Gleichgewicht. Entweder verkommt das Ninjutsu zu einem rein mechanischen, technischen Kampfsystem ohne Geist. Oder der Übende verliert den Bezug zur Wirklichkeit, wird weltfremd und fühlt sich über alles erhaben.
Mantra
Dem mantra entspricht im Japanischen jumon 呪文, das „geladene“
Wort. Es verkörpert den Intellekt.
Worte und Taten allein bewirken nichts. Wirksam werden sie erst, wenn der keimende Gedanke dahinter als Beweggrund zu erkennen ist. Das geladene Wort setzt den Gedanken als Wort fort. Die Worte, die die Ninja gebrauchen, sind meist noch in ihrer ursprünglichen Sprache gehalten; wo sie übersetzt wurden, tragen sie keine bestimmte Bedeutung.
Im Tantra gilt, dass bestimmte Laute den Lauf des Universums beeinflussen können. Wie das genau funktioniert, hat die Wissenschaft noch nicht geklärt. Doch viele mantra sind in ihren Schwingungen sehr rein und stehen im Einklang mit den Frequenzen der körperlichen Wirklichkeit.
Der Urlaut
Ein einfaches Beispiel ist der Urlaut Om. Der Mund öffnet sich weit zu einem „Ah“
. Ohne den Laut zu unterbrechen, schließt er sich, bis ein „Oh“
entsteht und dann ein „M“
. Zuletzt drückt die Zunge gegen die Schneidezähne, und es klingt ein „N“
. Die Lautfolge lautet also Ah-oh-mm-nn und ähnelt stark dem christlichen Gebetswort „Amen“
.
Allein lassen sich solche Übungen nicht lernen. Tonhöhe, Atemrhythmus und Stimmqualität bestimmen das Ergebnis mit. Wer sich für mantra interessiert, sollte einen qualifizierten Meister suchen.
Mudrā
Der mudrā entspricht im Japanischen ketsuin 結印, die Handstellung. Sie verkörpert die körperliche Handlung.
Das dritte Geheimnis des sanmitsu sind die Handzeichen des kuji-in 九字印. Ihren Ursprung haben sie in den unzähligen Handstellungen Indiens. Wahrscheinlich regen sie, ähnlich wie die Akupunktur, bestimmte Meridiane an; gerade in den Händen sollen viele End- und Wendepunkte liegen.
Ins Ninjutsu gelangten nur neun dieser Handstellungen: rin 臨, pyō 兵, tō 闘, sha 者, kai 皆, jin 陣, retsu 列, zai 在 und zen 前. Diese Silben sind zugleich die mantra der jeweiligen Handstellung. Jede steht für ein erstrebenswertes Ziel, das vom Gedanken über das Wort zur Tat wird. Der ganze Organismus gerät in diesen Zustand der Harmonie. Der Ninja hat das Gefühl, das Ziel sei schon erreicht und warte nur noch darauf, sich auf der körperlichen Ebene zu zeigen.
Wer die Hände einfach so faltet, erreicht nichts. Erst viele Jahre intensiven Trainings bei einem erfahrenen Meister machen die Wirkung spürbar. Hollywood erzählt es anders: Der Verletzte setzt sich in eine Ecke, verknotet die Hände, und schon ist er geheilt.
Kuji-kiri
Das kuji-kiri 九字切り gehört nicht zum sanmitsu und steht hier nur zur Information. Es ist eng mit dem kuji-in verbunden, und die meisten verwechseln die beiden. Wahrscheinlich kamen beide mit dem Buddhismus nach Japan.
Der Sage nach stammt das kuji-kiri, auch kuji goshin hō 九字護身法 genannt, vom gottähnlichen Kriegerwächter Marishiten. Mit dieser esoterischen Kraftformel überwindet der Ninja Böses, Illusion, Unwissen oder Schwäche und stärkt sich selbst. Dabei ahmt er das flammende Schwert des fudōmyō nach, des furchterregenden mythischen Beschützers des Willens, der Gesetze und der Unversehrtheit des Universums.
Die rechte, positive und die linke, negative Hand kommen vor der Brust zusammen und bilden das Schwert. Der Ninja wiederholt mehrmals eine Beschwörungsformel. Dann tritt er einen Schritt vor und schneidet mit dem symbolischen Schwert abwechselnd waagerecht und senkrecht durch die Luft, von links nach rechts und von oben nach unten, bis die neun Schnitte ein Gitter bilden. Dabei spricht er die neun Silben des kuji goshin hō. Nach Belieben fügt er eine zehnte Silbe hinzu. Dann zertrennt er das Gitter mit einem Handschlag und steckt das symbolische Schwert zurück in die saya 鞘.
Fischer setzten gern die Silbe für Wasser als zehntes Zeichen in das Gitter, das sie zum Schutz und für eine sichere Fahrt auf Papier malten. Ninja konnten etwa das Zeichen für Dämon einfügen, um ihre Feinde in Angst und Schrecken zu versetzen.
Wie beim kuji-in dient auch diese Beschreibung nur der Information. Ohne den richtigen Lehrer, lange Übung, den richtigen Atemrhythmus und geistige Sammlung bleibt das kuji-kiri ohne jede Wirkung.