Zwei Mönche mit kahl geschorenen Köpfen und dunklen Roben stehen an der Reling eines Segelschiffs und blicken über die aufgewühlte See auf eine Küste mit Pagode und Tempeln, hinter ihnen ziehen Seeleute an den Tauen.
Kūkai und Saichō segeln nach China

Mikkyō

Es gibt keinen Zufall, lehrt das Mikkyō. Wie die tantrische Lehre von Indien über China nach Japan kam und warum die Ninja sie nutzten, um ihre Kräfte zu steigern.

Kapitel
5, Geistige Kräfte
Abschnitte
10
Lesezeit
4 Min.

Mit allen Dingen im Einklang

Es gibt keinen Zufall – so lehrt es das mikkyō 密教. Was wir Glück oder Unglück nennen, sind ungelenkte Kräfte, die sich in unserem Leben zeigen. Wer die Wirklichkeit in ihrer ganzen Vollkommenheit erfassen will, braucht deshalb die richtige geistige Haltung. Die Ninja wandten das ninpō mikkyō 忍法密教 an, die tantrischen Lehren des Buddhismus, um mit allen Dingen in Einklang zu kommen und durch und durch natürliche Geschöpfe zu werden.

Ninja und Wissenschaft

Die Ninja waren in gewisser Weise Wissenschaftler. Sie wollten verstehen, wie Organismen funktionieren und wie Vorgänge in der Natur ablaufen. Zugleich interessierten sie sich für tiefere spirituelle und okkulte Phänomene. Auf deren Wirkung vertrauten sie, denn sie hatte sich in den vielen Jahrhunderten seit ihrer Entstehung oft bewährt.

Für vieles ist die Wissenschaft heute noch nicht reif. Die Entschlüsselung des DNA-Codes kratzt nur an der Oberfläche. Bis sich eines Tages vielleicht erklären lässt, wie Geist und Bewusstsein wirken, wird noch lange Zeit vergehen.

Asiatische Künste und moderne Wissenschaft

Viele asiatische Künste, vor allem in der Medizin, galten bis vor kurzem als lächerlich. Seit etwa die Akupunktur vielen als wirksam gilt, nimmt eine immer breitere Masse diese Künste an.

Geklärt ist damit noch lange nichts. Wie Meridiane und die Abhängigkeiten im Inneren des Körpers funktionieren, ist weiterhin offen; die Ergebnisse beruhen auf Spekulation und Vermutung.

Offenheit gegenüber allen Aspekten

Heutige Ninja verschließen sich weder neuen noch alten Ansätzen. Sie fühlen sich keiner bestimmten Religion oder Weltanschauung verpflichtet. Aus den Religionen übernehmen sie die Aspekte, die für sie einen Wert haben, als funktionierende Prinzipien in ihre eigene Weltanschauung.

Alle religiösen und philosophischen Aspekte sind deshalb nur Vorschläge. Bestimmte Ansichten vertreten zu müssen, um sich Ninja nennen zu dürfen, war nie Pflicht und sollte es auch heute nicht sein.

Den Ninja macht kein kamiza 神座, kein Schrein im Dōjō. Ihn machen allein sein Geist und seine körperlichen Fähigkeiten aus, ob er nun Christ, Buddhist, Jude, Muslim oder Hindu ist oder einer ganz anderen Überzeugung folgt.

Philosophie und Religion als ethische Grundlagen

Eines steht dagegen fest: Ein Ninja ohne philosophische oder religiöse Grundlage ist eine Schande für alle. Wer allein auf die körperliche Entwicklung setzt, wird scheitern. Wer stolz darauf ist, Bretter zu zerschlagen oder Gegner in Turnieren zu besiegen, hat mit dem Bujinkan Budō Taijutsu die falsche Kunst gewählt oder sollte sie gar nicht erst wählen. Für ihn sind Kickboxen, Karate oder besser noch Boxen die richtige Wahl.

Ohne diese Grundlage kommt er im Bujinkan außerdem nie über eine bestimmte Stufe hinaus: den 4. dan 段.

Entstehung des Mikkyō in Indien

Die Wurzeln des mikkyō liegen in esoterischen, tantrischen Strömungen Indiens. Diese Lehren stammen ursprünglich aus dem Hinduismus. Als Tantra gingen sie in den esoterischen Buddhismus des Vajrayana ein, eine Bewegung, die aus dem Mahayana hervorging und heute vor allem in Tibet ausgeübt wird.

Japanische Mönche in China

In der Heian-Zeit schickte Kaiser Kanmu zwei Mönche nach China: Saichō (Dengyō Daishi) und Kūkai (Kōbō Daishi). Sie sollten den Buddhismus studieren und so die religiöse Lage in Japan verbessern. Als sie zurückkehrten, brachten sie die Grundlagen des mikkyō mit.

Zwei Mönche mit kahl geschorenen Köpfen und dunklen Roben stehen an der Reling eines Segelschiffs und blicken über die aufgewühlte See auf eine Küste mit Pagode und Tempeln, hinter ihnen ziehen Seeleute an den Tauen.
Kūkai und Saichō segeln nach China

Kūkai studierte in China das Mizong. Nach seiner Rückkehr gründete er 816 auf dem Berg Kōya nahe Ōsaka das Kloster Kongōbuji, den Hauptsitz des Shingon (真言), einer esoterischen buddhistischen Sekte des mikkyō. In seiner Lehre vereinte er Shintō und Buddhismus.

Ein Mönch in gelber und roter Robe mit Pilgerstab steht zwischen hohen Zedern und sieht zu, wie Mönche Balken tragen, Holz bearbeiten und auf dem Gerüst eines großen Tempeldachs arbeiten.
Die Gründung auf dem Berg Kōya

Shingon

Besonderes Gewicht legt das Shingon auf die sanmitsu 三密 „die drei Geheimnisse“: Gedanke, Wort und Tat können jeden Menschen zur Buddhaschaft führen. Das Hauptmerkmal der Sekte ist die Verwirklichung eines harmonischen Verhältnisses der fünf Elemente.

Tendai

Der zweite Mönch, Saichō, studierte das Tiantai, eine Schule des Mahayana-Buddhismus. Nach seiner Rückkehr gründete er für seine Sekte, das Tendai (天台), das Kloster Enryakuji auf dem Berg Hiei. Es wurde das mächtigste Kloster Japans: Zeitweise standen 40.000 Mönche und sōhei 僧兵, buddhistische Kriegermönche, unter dem Schutz des Kaiserhauses.

Dann zog Oda Nobunaga gegen die Ikkō ikki, die aufständischen Bauernkrieger, gegen die sōhei und gegen die Ninja zu Felde. Im Verlauf dieses Feldzugs brannte er das Kloster nieder. Das Tendai hatte sich da längst in drei wichtige Strömungen geteilt: Sanmon und Jimon, die sich schon im späten 10. Jahrhundert trennten, und Shinsei.

Nachts brennen die Tempel auf einem bewaldeten Berghang über einem See, Krieger stürmen eine Steintreppe hinauf und kämpfen mit Mönchen, im Vordergrund sitzt ein Feldherr in Rüstung auf einem Schimmel neben seinen Bannern.
Das brennende Enryakuji

Die wichtigste Lehre des Tendai sind drei Vorschriften: „Böses vermeiden, wo immer es auftaucht, Gutes tun, wo immer es geht, und alle lebenden Wesen achten.“

Das Mikkyō der Ninja

In den Ursprungsländern wurde aus den Grundlagen des mikkyō in den folgenden Jahrhunderten eine Religion. Eine große Zahl von Göttern kam hinzu und wurde angebetet.

Die Ninja dagegen nutzten das mikkyō, um ihre Fähigkeiten und Kräfte zu steigern. Für sie war es mehr als eine Religion: ein Satz funktionierender Prinzipien, in denen die Gesetze des Universums wirken.