
Inrō – Reiseapotheke
Schlafgas aus Rattenpulver, Lauch auf der Schusswunde, 30 Sesamkörner gegen den Durst: Was der Ninja in seiner Reiseapotheke mischte und was er auf eine Mission mitnahm.
- Kapitel
- 4, Waffen & Werkzeuge
- Abschnitte
- 3
- Lesezeit
- 5 Min.
Ein paar Fächer aus Lack, an einer Schnur am Gürtel: Das inrō 印籠 war die Reiseapotheke des Ninja. Mit dem, was er darin trug, mischte er seine Gifte und seine Heilmittel.
Gifte
Töten, lähmen, betäuben
Der Ninja verstand sich auf Gifte und Drogen. Er gewann sie aus Pflanzen, aus Tieren und aus Mineralien.
Ein Gift konnte einen Gegner töten. Weit häufiger aber setzte der Ninja es ein, um ihn zu lähmen, zu betäuben oder kampfunfähig zu machen. Für den Auftrag kam es darauf an, wie schnell ein Gift wirkte: Manchmal musste ein Gegner sofort verstummen, ein anderes Mal wollte der Ninja in Sicherheit sein, bevor die Wirkung einsetzte.
Er strich Gift auf seine Waffen, mischte es in Essen und Trinken oder ließ es als Gas frei. Sogar Blumen sollen vergiftet worden sein.
Rezepte
Die einfachste Methode brauchte keine Zutaten aus der Apotheke: Vor dem Einsatz zog der Ninja seine Waffen durch Pferdemist. Wer damit verwundet wurde, bekam oft schon kurz darauf Muskelkrämpfe und starb an einer Blutvergiftung.
Für ein seltsames Gift namens gyokuro 玉露 vergrub man grünen Tee 30 bis 40 Tage lang in der Erde und vermischte ihn danach mit Sojabohnenpaste. Ein Kranker, dem man dieses Getränk gab, starb binnen weniger Tage. Bei einem Gesunden konnte es einen Monat dauern, doch nach 70 Tagen erlag auch er den Folgen.
Schnell und tödlich wirkte dagegen zagarashijaku, ein Gift aus grünen Pflaumen oder Pfirsichen.
Schlafgase
Auch Giftgas setzten die Ninja ein. Meist tötete es nicht, sondern betäubte nur: Ein wenig davon in der Luft, und die Wachen wurden träge oder schliefen ein. Der Ninja konnte seinen Auftrag ungestört erledigen.
Für eines dieser Schlafgase mischte man das Blut eines Wassermolchs, einer Schlange und eines Maulwurfs und ließ ein Blatt Papier die Tinktur aufsaugen. Verbrannte man das Papier, schlief jeder ein, der den Rauch abbekam.
Ein anderes bestand aus drei pulverisierten männlichen Ratten, einigen Blättern des Paulownia-Baums, einem Tausendfüßler und einer Handvoll Baumwollsamen. Die Mischung wurde zu einer Kugel gepresst. Verbrannte man sie, fiel jeder, der die Dämpfe einatmete, in tiefen Schlaf.
Lähmen, jucken, lachen
Eine flüssige Betäubungsdroge gewann der Ninja aus zerriebenen Hanfblättern, die er in Tee mischte. Um einen Gegner zu lähmen, nahm er oft die Körpersäfte von Kröten, Kugelfischen oder anderen giftigen Tieren.
Sollte ein Verfolger nur aufgehalten werden, genügte ein Juckmittel aus Brennnesseln. Es soll auch einen Pilz gegeben haben, nach dessen Verzehr das Opfer einen Lachkrampf bekam und sich leicht überwältigen ließ.
Ein furchtbares Gift trieb sein Opfer in den Wahnsinn. Wie man es herstellt, wissen heute nur noch wenige. Öffentlich bekannt machen lässt sich nur so viel: Fünf bis zehn Samenkörner einer Pflanze wurden zu Pulver zerrieben und unter das Essen gemischt.
Giftpflanzen
In Japan wuchsen starke Giftpflanzen wie Eisenhut (torikabuto, 鳥兜), dessen Wurzel als das klassische Waffengift Japans gilt, Wasserschierling (dokuzeri, 毒芹), Japanischer Gerberstrauch (dokuutsugi, 毒空木), Japanisches Tollkraut (hashiridokoro, 走野老), Japanischer Sternanis (shikimi, 樒) und Japanische Lavendelheide (asebi, 馬酔木).
Viele Giftpflanzen sind auch in Mitteleuropa verbreitet, einige davon wuchsen zur Zeit der Ninja nicht in Japan. Dazu gehören unter anderem Aronstab, Besenginster, Bilsenkraut, Bohne, Christrose, Eibe, Eisenhut, Fingerhut, Gefleckter Schierling, Germer, Goldlack, Goldregen, Herbstzeitlose, Hundspetersilie, Kartoffel, Lebensbaum, Lupine, Maiglöckchen, Oleander, Pfaffenhütchen, Rizinus, Rote Zaunrübe, Sadebaum, Scharfer Hahnenfuß, Schöllkraut, Seidelbast, Stechapfel, Tollkirsche, Wasserschierling und Zypressen-Wolfsmilch.
Viele davon sind für sich genommen kaum gefährlich. Mit dem richtigen pharmakologischen Wissen und der richtigen Mischung lassen sich daraus aber gefährliche Gifte herstellen.
Die Dosis macht das Gift
In der richtigen Menge ist jedes Nahrungsmittel ein Gift. Umgekehrt lässt sich Gift in geringen Dosen sogar als Medizin einsetzen, wie es die Homöopathie tut.
Wie viele Menschen im Lauf der Zeit vergiftet wurden, kann niemand sicher sagen. Sicher ist, dass es oft geschah: Gift war früher ein verlässliches Mittel, um eine Thronfolge zu ändern oder Politik zu machen. Die medizinischen Untersuchungen waren schlecht, und nur selten verrieten eindeutige Anzeichen eine Vergiftung.
Auch heute gehen Gerichtsmediziner davon aus, dass nicht wenige Todesfälle auf eine Vergiftung zurückgehen. Meist bleibt sie unentdeckt, wenn der Tote schon älter war, denn dann verzichtet man auf eine gerichtsmedizinische Untersuchung. Vermutlich haben Erben schon unliebsame Personen über lange Zeit mit kleinen Dosen langsam und unbemerkt getötet.
Heilmittel und Heilmethoden
Wunden und Verletzungen
Auf einer Mission war der Ninja meist lange auf sich allein gestellt. Er musste sich selbst versorgen können und kurierte kleinere wie größere Verletzungen, Vergiftungen und andere Leiden.
Gegen Blutungen kannte er Mittel für jede Größe der Wunde. Bei kleinen Kratzern stillte er das Blut mit dem Rauch glimmender Stofffetzen. Eine große, blutende Wunde bedeckte er mit zerkauten Teeblättern und getrockneten, pulverisierten Paulownia-Blättern. Auch japanische Akazie, Beifuß, Pfingstrosen und Thujen stillten Blut.
Schwertwunden behandelte er mit einer Mischung aus Geißfußwurzel und Schwarzer Kuherbse, manchmal auch mit zerquetschten Narzissenwurzeln. Auf Schusswunden legte er zerquetschten Lauch. Schnitte von Bambus linderte eine Paste aus Weizenmehl und Wasser, vor allem gegen den Schmerz. Als Schmerzmittel dienten außerdem Eisenhut, Kalmus, Hanf und Chrysanthemen.
Auf verbrühte Haut trug er eine Mischung aus Tannin und Tusche auf. Bei Verstauchungen und Zerrungen nahm er Amur-Korkbaum (Phellodendron amurense), zur Hälfte zerquetscht, zur Hälfte roh, vermischte ihn mit Essig und legte ihn auf die Haut. Gegen eine Wundentzündung half ein Stück Fischhaut auf der Wunde, das er von Zeit zu Zeit wechselte.
Weitere Kuren
Hatte der Ninja etwas Verdorbenes gegessen, aß er dasselbe Lebensmittel noch einmal, diesmal verkohlt.
Angeblich konnten die Ninja sogar Krebs bekämpfen. Dazu zermahlte man einen Ast eines alten Blauregens, am besten einen mit Wucherung, zu Pulver, vermischte es mit Wasser und trank es. Auch drei Gramm Wassernusssamen- oder Wasserkastanienpulver am Tag sollen als Krebskur gedient haben.
Einige Ninja beherrschten die Kunst der Wiederbelebung. Im japanischen shiatsu 指圧 lassen sich eine Ohnmacht und andere Leiden durch Massage und die Stimulation bestimmter Körperstellen lindern oder heilen.
Nahrungsmittel
Auf jede Mission nahm der Ninja eine Notration mit: getrockneten Reis (hoshii, 糒), getrocknete Pflaumen (umeboshi) und Nahrungspillen wie hyōrōgan 兵糧丸, kikatsugan 飢渇丸 gegen den Hunger und suikatsugan 水渇丸 gegen den Durst. Die Pillen bestanden aus Reis und anderer Stärke wie Kudzu oder getrockneter Yamswurzel, dazu kamen etwa Buchweizen, Pinienkerne oder Pflaumenfleisch.
Gegen den Durst halfen Pfefferminzpulver und Salzpflaumen. Waren die Wasservorräte aufgebraucht, griff er zu einer bestimmten Lauchpflanze. Schon 30 Sesamkörner sollen den Durst kurzzeitig gelindert haben.
Ansonsten aßen die Ninja, was in ihrer Gegend üblich war und überall vorkam: Bohnenpaste, Buchweizenmehl, Fisch, Gemüse, Pflaumen, Sesam, Tofu, unpolierten Reis und andere Nahrungsmittel der japanischen Küche.
Für einen Nicht-Japaner ist dieser Speiseplan schwer einzuhalten und gewöhnungsbedürftig. Nötig ist das aber auch nicht. Hatsumi Masaaki sagte einmal, die Ernährung unterscheide sich von Land zu Land. Wichtig sei nur, ausgewogen zu essen und nicht zu viel Fleisch.