Im Licht einer Papierlaterne kniet ein Mann in dunklem Gewand an einem niedrigen Tisch und schreibt mit dem Pinsel, ringsum liegen gebündelte Schriften und Rollen, draußen leuchten Glühwürmchen in der Nacht.
Fujibayashi stellt das Bansenshūkai zusammen

Bansenshūkai

1676 trug Fujibayashi Yasutake das Wissen Dutzender Ninja-Ryū aus Iga und Kōga zusammen. Zehn Bände über Strategie, Moral, Täuschung, Wetter und Werkzeuge.

Kapitel
2, Organisation & Ausbildung
Abschnitte
2
Lesezeit
5 Min.

Zehntausend Flüsse fließen ins Meer

Im Sommer 1676 trug Fujibayashi Yasutake das Material zusammen. Japan wurde damals vom vierten Shōgun aus dem Hause Tokugawa regiert. Fujibayashi gehörte einem der drei wichtigsten Ninja-Ryū der Region Iga an. Am Ende der Sengoku jidai (戦国時代) hatte seine Familie, zusammen mit den Hattori und den Momochi, den besten Ruf und den größten Einfluss.

Sein Bansenshūkai (萬川集海) vereint Wissen und Ansichten Dutzender Ninja-Ryū aus den Regionen Iga und Kōga im südlichen Zentraljapan. Namhafte Historiker halten das Werk für außerordentlich systematisch und logisch aufgebaut, in der Wahl der Themen ebenso wie in der Gliederung der Kapitel.

Im Licht einer Papierlaterne kniet ein Mann in dunklem Gewand an einem niedrigen Tisch und schreibt mit dem Pinsel, ringsum liegen gebündelte Schriften und Rollen, draußen leuchten Glühwürmchen in der Nacht.
Fujibayashi stellt das Bansenshūkai zusammen

Jo

Das Werk umfasst zehn handgebundene Bände. Der erste, Jo, enthält eine Einleitung, historische Beispiele, ein Inhaltsverzeichnis und einen Teil mit Fragen und Antworten. Er stellt die Leitphilosophie der Ninja vor, und zwar am Beispiel erfolgreicher Kriegführung.

Ein Mann in grauem Gewand sitzt am Boden und blättert in einem Buch mit Zeichnungen von Haken, einer Leiter und Kugeln an Ketten, neben ihm liegt ein Stapel blau gebundener Bücher auf einem Holzgestell.
Die zehn handgebundenen Bände

Weiß ein Anführer seine Leute richtig zu führen und zu motivieren, so schärft der Band dem Ninja ein, kann er eine große Zahl von Feinden überwältigen. Denken die Gefolgsleute dagegen anders als ihre Befehlshaber, lassen Niederlagen und Verluste nicht lange auf sich warten. Ein einziger richtig eingesetzter Spion oder feindlicher Agent kann eine ganze Armee zu Fall bringen. Daher die Überzeugung der Ninja, dass ein Einzelner Tausende von Feinden besiegen kann. Immer wieder betont das Bansenshūkai, dass Ninjutsu die wirksamste Methode der Militärstrategie ist.

Shōshin

Shōshin, der zweite Band, handelt von Aufrichtigkeit, Motivation und der moralischen Willenskraft, die ein Ninja braucht. Er setzt Fähigkeiten ein, die andere Verrat, Lüge, Diebstahl oder Betrug nennen würden, von äußerst harter Gewalt ganz zu schweigen. Deshalb braucht er ein klares Ziel und den Überblick, bevor er sich den rein technischen Fragen zuwendet.

Der Söldner sieht die Dinge nur aus einem engen Blickwinkel. Den wahren Ninja dagegen zwingt das Bewusstsein seiner persönlichen Verantwortung zum Handeln. Sein intuitives Wissen um diese vom Schicksal bestimmte Verantwortung lässt ihn seinen Beitrag leisten. Der erste Schritt seiner Erziehung besteht darin, jedes geistige oder spirituelle Hindernis zu beseitigen, das dieses natürliche Bewusstwerden stören würde.

Shōchi

Auch der begabteste Ninja ist ohne die Führung und die Anweisungen eines fähigen Anführers hilflos. Davon handelt der dritte Band, Shōchi: von der wirksamen Leitung einer Ninja-Organisation und den verschiedenen Wegen zu einem erfolgreichen Einsatz. Er erklärt außerdem Vorkehrungen, die es feindlichen Agenten unmöglich machen sollen, sich in die Organisation einzuschleichen. Wer die Kunst der Ninja richtig verstehen will, braucht ein umfassendes Wissen über das Gleichgewicht von in 陰 und yō 陽, Yin und Yang.

Yōnin

Der vierte Band, Yōnin, behandelt die yō-Seite der Ninja-Techniken, ihre „helle“ Seite. Mit der dynamischen, positiven Kraft seines Verstandes und seines kreativen Denkens kommt der Ninja an die Informationen, die er braucht, ohne selbst an einer Spionagemission teilzunehmen. Er lässt andere direkt oder auf Umwegen für sich sammeln und erhält so alle wichtigen Daten für eine erfolgreiche Aktion. Weil er die Stärken und Schwächen des Feindes kennt, kann er ihm richtig begegnen. Nach außen wirkt er dabei, als habe er mit der ganzen Sache nichts zu tun und nie etwas in dieser Richtung unternommen.

Innin

Der fünfte, sechste und siebte Band tragen alle den Titel Innin (陰忍). Ihr gemeinsames Thema ist das in, die „dunkle“ Seite des Ninja-Wissens. Listen, Täuschung, Verwirrungstaktiken und Überraschungsangriffe sind nur einige der Techniken, die sie darlegen.

Der Ninja konnte Methoden anwenden, die ein Samurai als ehrlos, verachtenswert, ja feige ansah. Entsprechend häufig griff er zu Verkleidungen und nächtlichen Aktionen. Mit einer List schlich er sich ins feindliche Lager, um Befehlshaber zu entführen oder zu töten, und er bestach wichtige Funktionäre, damit sie ihm halfen, seine Ziele zu erreichen. Alle Spielarten dieses einzigartigen Kampfsystems stehen in diesen Bänden, vom Einzelkampf bis zum vollständigen Plan eines Überraschungsangriffs für ganze Kampfgruppen.

Tenji

Tenji, der achte Band, lehrt den Ninja, die Bedingungen seiner Umwelt richtig einzuschätzen. Dazu gehören Techniken der Wettervorhersage, Gezeitentabellen, Tabellen der Mondphasen sowie verschiedene Methoden der Orientierung und Navigation. Ein Teil dieses Wissens beruht auf jahrhundertealter Erfahrung mit Systemen wie dem gogyō setsu 五行説 „Theorie der fünf Elemente“, dem onmyōdō 陰陽道 oder dem Orakel eki 易. Der andere Teil besteht aus wissenschaftlichen Beobachtungen und aus indischen, tibetischen oder chinesischen Methoden, Entwicklungen und Ereignisse vorherzusagen.

Ninki

Die Beschreibung der Ausrüstung, Ninki (忍器), beginnt im neunten Band und reicht bis in den zehnten. Dieser heißt allerdings nicht „Zehnter Band“, sondern „Schlussband“. Möglicherweise liegt das daran, dass die Ninja in der Zahl 9 ein Mittel der Inspiration und Erleuchtung sahen.

Unter dem Titel toki 登器 verzeichnet der neunte Band die Kletterwerkzeuge des Ninjutsu: alles, womit der Ninja Festungsmauern, Bäume, Klippen und Schiffswände sicher hinauf- und wieder hinabkommt. Suiki 水器 behandelt die Wasserausrüstung. Sie beruht zu einem großen Teil auf praktischen Ratschlägen von Piraten und zeigt verschiedene Arten, Flüsse zu überqueren oder sich unter Wasser fortzubewegen.

Auf hellem Papier liegen Werkzeuge der Ninja ausgebreitet: Wurfklingen, eine Sichel an langem Stiel, aufgerollte Seile, Metallringe, ein Messer mit gebogener Klinge und kleine Krähenfüße.
Ningu (忍具), Werkzeuge der Ninja

In kaiki geht es um Werkzeuge, mit denen man in verschlossene Gebäude, Burgen, Befestigungen oder Lagerhäuser einbricht: Ausrüstung, um Türschlösser aufzubrechen, Löcher in Wände zu bohren oder Türen aus den Angeln zu heben. Den Abschluss des Bansenshūkai bilden die Feuertechniken, kaki 火器. Hier steht eine ganze Reihe von Rezepturen, um Sprengstoffe, Rauchbomben, Arzneien, Betäubungsmittel und Gifte herzustellen und einzusetzen.

Ninja-Disziplinen

In diesen Disziplinen strebt der Ninja nach Meisterschaft:

  • bōjutsu 棒術: Techniken des Stockkampfs
  • fukiya 吹き矢: Blasrohr und Bolzen
  • gotonpō 五遁法: Flucht mithilfe der natürlichen Elemente
  • hanbōjutsu 半棒術: Kampf mit dem kurzen Stock
  • heihō 兵法: Kampfstrategie
  • onmyōdō: daoistische Prinzipien
  • jūnantaisō 柔軟体操: Körperbeherrschung, ähnlich dem Yoga
  • ka jutsu 火術: Umgang mit Feuer und Sprengstoffen
  • kiai 気合: Einklang mit dem Lauf der Dinge
  • kuji-in 九字印: Lenkung von Energie
  • kuji-kiri 九字切り: Lenkung unsichtbarer Kräfte
  • kusarigama 鎖鎌: Kette und Sichel
  • kusarijutsu: Kampf mit kurzen Kettenwaffen
  • kyōmon: praktische Bildung
  • kyoketsu shōge 距跋渉毛: Seil und Klinge
  • ninja kenpō: Kampf mit dem Ninja-Schwert
    • kenjutsu 剣術: Fechten
    • iai jutsu 居合術: Techniken des schnellen Ziehens
  • ninki: besondere Ausrüstung und Werkzeuge der Ninja
  • ninpō taijutsu 忍法体術: waffenloser Kampf
    • taihen jutsu 体変術: Körperbewegungen und Sprungtechniken
    • daken taijutsu 打拳体術: Stoß- und Schlagtechniken
    • jū tai jutsu 柔体術: Würge- und Haltegriffe
  • seishin teki kyōyō 精神的教養: geistige Reinheit
    • meisō: Meditation
    • shinpi: Konzepte der Mystik
  • ninpō mikkyō 忍法密教: Geheimwissen der Ninja über das Universum
  • shurikenjutsu: Werfen von Klingen
  • tantōjutsu 短刀術: Techniken des Messerkampfs
  • teppō 鉄砲: Feuerwaffen
  • yarijutsu 槍術: Speertechniken
  • yūgei: traditionelle Künste

Niemand hält heutige Ninjutsu-Schüler davon ab, auch Bereiche zu üben, die in dieser Liste fehlen. Schaden nehmen dagegen die Schüler einer Kampfkunst, die sich stur auf einen festen Bestand von Techniken beschränkt, etwa auf 106 Waffen und 42 Würgegriffe, und sich für die praktische Anwendung nicht interessiert. Sobald Gefahr droht, denken sie in methodischen, geordneten Strukturen. Mechanisches Training gewöhnt den Geist daran, jede neue Lage mit früheren Übungen zu vergleichen und in eine Kategorie einzuordnen. Gegenstände oder Taktiken, die nicht auf seiner Liste stehen, übersieht er dann schlicht.