
Kunoichi
1561 fiel Mochizuki Moritoki. Seine Witwe Chiyome ging nicht ins Kloster. Sie baute für Takeda Shingen ein Netz weiblicher Agentinnen auf – getarnt als Tempeldienerinnen.
- Kapitel
- 2, Organisation & Ausbildung
- Abschnitte
- 4
- Lesezeit
- 4 Min.
Weibliche Ninja
Im Jahr 1561 fiel der Kriegsherr Mochizuki Moritoki in der berühmten Schlacht von Kawanakajima. Der Überlieferung nach stellte sich seine Witwe Chiyome unter den Schutz des mächtigen Takeda Shingen, eines Onkels ihres verstorbenen Mannes. Üblich wäre gewesen, dass sie sich in einen religiösen Orden zurückzog und fortan still als Nonne lebte. Chiyome tat das Gegenteil: Sie setzte sich weiter mit ganzer Kraft für die Machtpläne des großen Daimyō ein. Als Takeda sie bat, ein Netz von kunoichi くノ一 aufzubauen, sagte sie zu. Es wurde eines der wirkungsvollsten und verschwiegensten Netze der gesamten Sengoku jidai (戦国時代).
Die Idee dazu stammte von Takeda Shingen. Chiyome sollte ausgebildete miko 巫女, Schreindienerinnen, so schulen, dass sie neben ihren eigentlichen Pflichten als Spioninnen, Beobachterinnen oder Kurierinnen arbeiten konnten. Ihr Einsatzgebiet war die Gegend von Kai (heute Yamanashi) im Herrschaftsgebiet der Takeda und das Gebiet Shinano (heute Nagano). Shinano war strategisch besonders wichtig: Sowohl Takeda Shingen als auch sein Rivale Uesugi Kenshin sahen darin das wichtigste Ziel künftiger Eroberungen.
Spione und Informanten
Takeda setzte während seiner Herrschaft stark auf Ninja als Spione. Er warb sie im eigenen Herrschaftsgebiet an, aber auch in den Reihen seiner Gegner. Die kunoichi waren nur ein weiteres Glied in dieser Kette von Informanten. Sie sammelten Nachrichten und überprüften die Berichte anderer Agenten. Als junge Tempeldienerinnen konnten sie ungehindert reisen und Kontakt zu den Spionen vor Ort aufnehmen, ohne Verdacht zu erregen. So wuchsen Macht und Wissen der Familie Takeda weiter.
Ihre Schule im Untergrund gründete Chiyome in Nezu, einem Dorf im Bezirk Chiisagata in der Gegend von Shinshū (heute Nagano). Dort leitete sie fortan eine Schule für weibliche Ninja. Eine miko musste stets jung und unverheiratet sein. Also suchte Chiyome ihre Kandidatinnen unter den unzähligen Kindern, die durch die Bürgerkriege zu Waisen geworden waren und kein Dach mehr über dem Kopf hatten. Jedes verlassene oder weggelaufene Mädchen, das den Weg in die Gegend von Shinshū fand, nahm sie bei sich auf.
Den übrigen Bewohnern von Nezu erschien Chiyome als freundliche, warmherzige Frau, die alles daransetzte, alleinstehende junge Mädchen vor der Armut zu retten, ihnen ein Zuhause zu geben und geistige Werte zu vermitteln.
Training der weiblichen Ninja
Zuerst lernten die Mädchen alles, was eine miko ausmachte: die Bräuche, die Pflichten und das Wissen der jungfräulichen Dienerinnen, die den Priestern der Shintō-Schreine zur Hand gingen.
Neben dieser Grundausbildung lief eine Indoktrination, die ihre spätere absolute Loyalität sichern sollte. Chiyome erinnerte die Mädchen immer wieder daran, dass sie es gewesen war, die sie aus der Armut geholt und ihnen dieses neue Leben ermöglicht hatte. So band sie die künftigen kunoichi gefühlsmäßig an sich. Wieder und wieder ließ sie ihre Schützlinge an die eigene Kindheit zurückdenken: daran, wer an ihrer Armut schuld war, wer sie verraten hatte und wer sie in jener Zeit gefunden und ihnen ein neues Leben gegeben hatte, als alles verloren schien. Nach und nach wuchs in den Mädchen die Überzeugung, dass sie nur überleben konnten, wenn sie fest zu ihren Schwestern hielten und Mochizuki Chiyome rückhaltlos treu blieben.
In der dritten Phase der Ausbildung ging es um das Handwerk der Agentin. Die Schülerinnen lernten, an wertvolle Informationen zu kommen und Lagen richtig einzuschätzen. Sie lernten, mit (falschen) Gerüchten Verwirrung und Streit zu stiften, verlässliche Boten ausfindig zu machen, die wichtige Nachrichten an andere miko-kunoichi weitergaben, und sich zu verkleiden. Und sie lernten, wenn nötig, Männer mit ihren weiblichen Reizen zu manipulieren. Waren Ausbildung und Indoktrination an der Ninja-Akademie in Nezu abgeschlossen, wurden die Mädchen aktive Agentinnen in Mochizukis kunoichi-Truppe.
Auf diesem Weg kamen wichtige Informationen aus beiden Zielprovinzen zusammen. Zusätzlich ließ Chiyome Reisende, die diese Gebiete durchquert hatten, genauestens ausfragen. So konnte sie Takeda Shingen ein exaktes Bild der politischen und militärischen Lage liefern. Damit der Ring wirksam und anonym blieb, wusste außer dem General selbst niemand von Chiyomes Rolle. Nicht einmal seinen engsten Vertrauten verriet er dieses Geheimnis.
Ähnlichkeiten und Unterschiede zu den Ninja
Die kunoichi des Mittelalters wurden ähnlich ausgebildet wie ihre männlichen Kampfgefährten, allerdings mit mehr Gewicht auf den feineren Aspekten des Nahkampfes. Wo die männlichen Ninja Gefechtstaktik und Guerillakampf lernten, übten die Frauen praktische Psychologie, Techniken der Manipulation und das Training der Intuition.
Zur Vorbereitung auf den aktiven Dienst gehörte selbstverständlich auch eine solide Grundausbildung in den Kampfmethoden des Ninjutsu: taijutsu 体術, bōjutsu 棒術 und hanbōjutsu 半棒術, tantōjutsu 短刀術, yarijutsu 槍術 und kenjutsu 剣術.
Die Kampftechniken waren auf die Lage der körperlich schmächtigeren Frau zugeschnitten. Dazu gehörten unter anderem Fluchtmethoden und die Abwehr stärkerer männlicher Gegner. Angriffe auf Wachposten oder militärische Stellungen, wie sie ein Stoßtrupp ausführt, blieben dagegen den männlichen Ninja vorbehalten.