Ein Mann in schlichter dunkler Kleidung sitzt bei Sonnenuntergang auf einem Felsen am Waldrand, die Augen halb geschlossen, eine Hand auf der Rinde eines Baumes; vor ihm liegen Berge unter einem orange glühenden Himmel.
Die Sinne erwecken

Bewusstsein und Geist

Nach der Lehre der Ninja schwingt alles im Universum, vom Stein bis zum Gedanken. Der Geist deutet diese Schwingungen und verbindet Bewusstsein und Körper.

Kapitel
5, Geistige Kräfte
Abschnitte
4
Lesezeit
3 Min.

Der Geist als Brücke zum Bewusstsein

Ein Stein schwingt langsam, ein Gedanke schnell – so jedenfalls sieht es diese Lehre: Das Universum besteht aus Vibrationen verschiedener Wellenlängen. Feste Materie hat eine sehr niedrige Vibrationsrate, darauf folgen Geräusche, Hitze, Elektrizität, Licht und schließlich Gedanken. Auch innerhalb einer Erscheinung bestimmt die Wellenlänge, wie sie wahrgenommen wird: beim Licht den Farbton, beim Geräusch die Tonhöhe.

Wie eine Erscheinung ankommt, hängt jedoch vom Empfänger ab, und verschiedene Wesen nehmen sie verschieden auf. Manche Tiere hören Ultraschall oder sehen ultraviolettes Licht.

Der Geist ist die Brücke zwischen Bewusstsein und Körper. Er deutet die Eindrücke, die der Organismus aufnimmt.

Die Ninja des Mittelalters kannten weder Wellenlängen noch Vibrationsraten. Für sie stand aber fest, dass alles in diesem Universum irgendwo seinen Platz hat. Daraus folgte, dass keine Handlung unabhängig von einer anderen ist. Selbst Phänomene, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, sind auf irgendeine Weise verbunden.

Die Ninja wollten ihre Umwelt beobachten und beeinflussen, indem sie ihre Gedankenwellen auf dieselbe Schwingung brachten wie die Umwelt.

Die eigenen Sinne verbessern

Bevor der Ninja seine Sinne wieder erweckt, macht er sich bewusst, wie sehr er sie in der Vergangenheit eingeschläfert hat. Im Kampftraining lernt man zuerst die natürliche Bewegung. Genauso erweckt er die natürliche Auffassungsgabe seiner Sinne neu, einen nach dem anderen.

Eine Zeit lang achtet er intensiv auf alle Gerüche, auf starke ebenso wie auf feine Nuancen, die gewöhnlich niemandem auffallen. Auch schlechte Gerüche nimmt er einfach wahr, ohne sie zu bewerten.

Für den Geschmackssinn achtet er eine Weile nur auf das, was er schmeckt. Er kaut länger und intensiver oder erweitert seinen Speiseplan.

Um die Augen zu wecken, achtet er besonders intensiv auf alle visuellen Eindrücke. Er konzentriert sich auf die Farbnuancen des Himmels beim Sonnenuntergang und experimentiert mit der Scharfstellung der Augen, mit Entfernungen und Formen.

Den Tastsinn erweckt er, indem er sich auf Berührungen seines Körpers konzentriert, auf Anspannung, Wärme und Kälte, auf Oberflächen. In dieser Zeit berührt er besonders viele Gegenstände und fährt mit geschlossenen Augen über ihre Oberfläche.

Ein Mann in schlichter dunkler Kleidung sitzt bei Sonnenuntergang auf einem Felsen am Waldrand, die Augen halb geschlossen, eine Hand auf der Rinde eines Baumes; vor ihm liegen Berge unter einem orange glühenden Himmel.
Die Sinne erwecken

Für das Gehör achtet er auf Geräusche und Musik. Er hört nicht nur auf laute Geräusche wie Straßenlärm, sondern auch auf solche, die sonst niemand wahrnimmt. Er lauscht der Stille und versucht herauszuhören, wie sie klingt. Oder er beobachtet, wie sein Körper auf verschiedene Musik reagiert.

Diese Übungen sind nur Anregungen. Es gibt weit mehr Möglichkeiten, die Sinne zu verbessern.

Sinnesentzug zur Sinneserweiterung

Takamatsu Sensei berichtete, dass er sich während seiner Zeit der Askese auf einem abgelegenen Berg aufhielt. Die Einsamkeit schärfte seine Sinne so sehr, dass er roch, wenn sich ein Mensch näherte. Auf weite Entfernung roch er sogar, ob es ein Mann oder eine Frau war.

Ein alter Asket in abgetragenem Gewand sitzt vor einer kleinen strohgedeckten Hütte hoch auf einem Berg und blickt ins Tal, wo ein winziger Wanderer den Pfad heraufkommt.
Asket auf einem abgelegenen Berg

Sinne lassen sich also auch schärfen, indem man ihnen eine Zeit lang Reize entzieht. Einige Ninja verzichteten auf Gewürze und auf besonders scharfe, salzige oder bittere Speisen. So bemerkten sie eine Vergiftung im Essen sofort.

Mit allen Sinnen leben

Für einen Ninja ist es wichtig, sich seinen Sinnen hinzugeben. Manche fehlgeleiteten Systeme und Religionen verlangen Selbstbeherrschung und den Verzicht auf „teuflische Gelüste“ wie gutes Essen, Sex oder andere Sinnesfreuden. Doch zu einem erfüllten Leben gehören alle Aspekte, die ein Lebewesen ausmachen. Körper und Sinne sind ein Teil von uns. Wer sich Selbstverleugnung, Zwängen oder der Ablehnung von Freuden unterwirft, um ein höheres Bewusstsein oder eine höhere Stufe zu erreichen, geht einen falschen Weg.