In einem Bambushain steht ein Mann in dunkler Kleidung tief und locker vor einem Samurai mit gezogenem Schwert, eine offene Hand vorgestreckt, bereit, sich in jede Richtung zu bewegen.
Eine Stellung, die schon Bewegung ist

Kamae

Fünf Stellungen in drei Sekunden. Im Ninjutsu sind die Kamae keine starren Posen, sondern Ausdruck der inneren Haltung und Teil der natürlichen Bewegung.

Kapitel
3, Körperliches Training
Abschnitte
8
Lesezeit
6 Min.
In einem Bambushain steht ein Mann in dunkler Kleidung tief und locker vor einem Samurai mit gezogenem Schwert, eine offene Hand vorgestreckt, bereit, sich in jede Richtung zu bewegen.
Eine Stellung, die schon Bewegung ist

Ausdruck innerer Einstellung

Die Kampfstellungen im taijutsu 体術 regeln, wie sich der Körper bewegt. Doch damit ist wenig über sie gesagt. Am besten versteht man sie als Ausdruck der inneren Einstellung. Im Kampf wie im Leben kommt es darauf an, dass Körper und Geist eins sind. Richtig ausgeführt, spiegeln die kamae (構え) das Herz des Ninja.

In anderen Kampfkünsten nimmt jeder Kämpfer dieselbe Position ein, ob sie zu seinem Körper passt oder nicht. Darum geht es bei den kamae nicht, und ebenso wenig darum, Tiere nachzuahmen. Der Kämpfer soll sich natürlich bewegen, Körper, Geist und Seele sollen eins sein: shingitai 心技体.

Fließend, nicht statisch

Eine kamae ist keine Fotografie. Der Kämpfer nimmt sie ein, solange sie ihm nützt, und verlässt sie, sobald sich die Lage ändert. Die Stellungen fließen ineinander. Ein Beispiel: Der Gegner tritt tief. Aus shizen no kamae 自然の構え weicht man zurück in ichimonji no kamae 一文字の構え, zieht den angegriffenen Fuß hoch (hichō no kamae, 飛鳥の構え), tritt gegen das Knie des Gegners und landet in jūmonji no kamae 十文字の構え. Von dort geht es weiter in kōsei no kamae 攻勢の構え und mit einem Schlag gegen den Rücken des Gegners. Fünf Bewegungen in zwei bis drei Sekunden. Keine Stellung hält länger als nötig – anders als in anderen Kampfkünsten, in denen man in einer Stellung verharrt.

Natürlicher Bewegungsablauf

Je weiter der Schüler kommt, desto weniger zählen die kamae als bestimmte Positionen. Sie gehen in den natürlichen Bewegungsablauf des Kämpfers ein. Wer die Grundlagen verinnerlicht hat, für den wird die wichtigste Kampfstellung die Nichtkampfstellung.

Es gibt sehr viele Kampfstellungen. Manche unterscheiden sich von Ryū zu Ryū oder tragen dort andere Namen. Jede lässt sich zudem in verschiedenen Höhen einnehmen, etwa auch kniend, oder auf verschiedene Höhen ausrichten.

Einige dieser Stellungen werden im Folgenden erklärt und gezeigt.

Beobachtende Stellungen

Die beobachtenden Stellungen sind die Grundstellungen. Es sind die Steh- und Sitzhaltungen, in denen man sich gewöhnlich befindet, wenn ein Angriff kommt. Aus ihnen heraus verbeugt man sich auch und erweist dem Gegner Respekt. Entwickelt wurden sie im Osten, wo es anders als im Westen keine Stühle gab. Deshalb sind es natürliche Sitz- und Stehpositionen.

Gasshō no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht aufrecht, die Füße schulterbreit, die Handflächen vor der Brust aneinandergelegt, die Finger zeigen nach oben.
Gasshō no kamae (合掌の構え)

Mit gasshō no kamae 合掌の構え grüßt man im Stehen. Beide Füße stehen fest auf dem Boden, die Hände liegen vor dem Oberkörper zusammen, die Ellbogen sind leicht angehoben. Der Blick geht über die Fingerspitzen geradeaus zum Gegner.

Fudōza no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, der Rücken gerade, die Hände ruhen auf den Knien.
Fudōza no kamae (不動座の構え)

Fudōza no kamae 不動座の構え ist die traditionelle japanische Sitzhaltung. Das linke Bein ist unter den Körper gefaltet, das Gesäß ruht auf dem Knöchel des linken Fußes. Das rechte Bein ist vor den Körper gezogen, die Sohle des rechten Fußes liegt am Knie. Der Rücken ist gerade, die Wirbelsäule in ihrer natürlichen Lage. Der Blick geht geradeaus.

Seiza no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung kniet aufrecht auf den Fersen, die Hände flach auf den Oberschenkeln.
Seiza no kamae (正座の構え)

Seiza no kamae 正座の構え ist die traditionelle japanische Kniehaltung. Die Beine sind unter den Körper gefaltet, das Gesäß ruht auf den Fußsohlen. Der Oberkörper ist gerade, die Knie stehen ein wenig auseinander, die Hände ruhen auf den Oberschenkeln. Um Respekt zu zeigen, beugt man den Oberkörper nach vorn und legt die Handflächen vor sich auf den Boden.

Verteidigende Stellungen

Die verteidigenden Stellungen kommen zum Einsatz, wenn man auf einen Angriff erst blocken oder ausweichen muss, bevor ein Gegenangriff möglich ist. Der Körper rutscht oder gleitet nach innen oder außen, weg vom Angriff. Aus dieser Position heraus blockt oder greift man an.

Ichi no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht seitlich, das Gewicht auf dem hinteren Bein, der vordere Arm gerade nach vorn gestreckt, die hintere Hand an der Hüfte.
Ichi no kamae (一の構え)

Für ichi no kamae 一の構え setzt man aus shizen ein Bein einen Schritt nach vorn. Der größere Teil des Körpergewichts bleibt auf dem hinteren Bein. Der Körper ist schräg vom Feind weggedreht. Die vordere Hand zeigt zum Feind, die hintere bleibt als Faust am Gürtel. Aus dieser Position geht man in ichimonji no kamae über.

Ichimonji no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht seitlich und tief, das Gewicht hinten, die vordere Hand offen auf Schulterhöhe zum Gegner gestreckt, die hintere Hand offen vor der vorderen Schulter.
Ichimonji no kamae (一文字の構え)

In ichimonji no kamae weicht der Körper zurück, weg vom Angriff. Das hintere Bein hält ihn aufrecht. Die Schultern sind entspannt, die Hüfte ist abgedreht, damit die Vitalpunkte verborgen bleiben. Die offenen Hände schützen Gesicht und Körper oder fangen den Angriff des Gegners ab.

Doko no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht seitlich und tief, das Gewicht hinten, die hintere Faust neben dem Kopf erhoben, die vordere Hand offen nach vorn gestreckt.
Doko no kamae (怒虎の構え)

Auch in doko no kamae 怒虎の構え weicht der Körper zurück, weg vom Angriff. Das hintere Bein hält ihn aufrecht, das vordere ist bereit, ihn bei Bedarf noch weiter zurückzuschieben. Die vordere Hand blockt die Schläge des Gegners oder fängt sie ab. Die hintere Hand liegt nah am Ohr und bereitet den Gegenschlag vor.

Hichō no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung balanciert auf einem gebeugten Bein, der andere Fuß ist hochgezogen und liegt am Standknie, die vordere Hand offen nach vorn gestreckt.
Hichō no kamae (飛鳥の構え)

Mit hichō no kamae weicht man einem Angriff aus, während das vordere, angehobene Bein darauf wartet, den Gegner anzugreifen. Das Standbein ist leicht gebeugt, um die Balance zu halten. Die Arme sind so gehalten, dass sie greifen, blocken oder schlagen können.

Empfangende Stellungen

Die empfangenden Stellungen nutzt man, wenn man einem Angriff mit Techniken begegnet, die mit der Kraft des Gegners harmonieren oder mit ihr gehen. Der Körper dreht sich oder weicht zur Seite aus und verschmilzt mit der Bewegung des Feindes. Auch Verteidigungen werden auf diese Weise ausgeführt.

Shizen no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht natürlich aufrecht, die Füße schulterbreit, die Arme hängen locker an den Seiten.
Shizen no kamae (自然の構え)

Shizen no kamae ist die natürliche Standhaltung des Menschen. Der Geist ist wach, der Körper entspannt und bereit, sich zu bewegen und auf den Gegner zu reagieren. Das Gewicht ruht auf beiden Füßen, die Schultern sind locker, die Arme hängen natürlich an den Seiten herab. In dieser Stellung trifft einen die Mehrzahl der Angriffe, denn so steht und geht der Mensch von Natur aus. Deshalb ist sie die wichtigste Stellung und verdient gründliches Training.

Hanmi no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht halb vom Betrachter abgewandt, die Füße im Winkel zueinander, die Arme hängen locker, die vordere Hand leicht vorn.
Hanmi no kamae (半身の構え)

Für hanmi no kamae 半身の構え macht man aus shizen no kamae einfach einen kleinen Schritt nach vorn. Dabei dreht sich der Körper vom Gegner weg.

Goku no kamae

Bei goku no kamae dreht man den Körper aus shizen no kamae um 45° vom Gegner weg. Die Hände hängen wie bei shizen natürlich herab, die vordere ist offen, die hintere in fudō ken 不動拳.

Hira ichimonji no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht frontal in breitem Stand mit gebeugten Knien, beide Arme auf Schulterhöhe gerade zur Seite ausgestreckt.
Hira ichimonji no kamae

Hira ichimonji no kamae ist eine ausbalancierte Standhaltung, aus der heraus der Körper ausweichen kann. Das Gewicht verteilt sich gleichmäßig auf beide Füße, beide Arme sind zur Seite ausgestreckt. Mit ihnen kann man fegen, greifen oder Schläge abfangen.

Hōko no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht mit gebeugten Knien, beide Arme hoch über den Kopf gehoben und leicht gerundet, die Handflächen nach vorn.
Hōko no kamae

Auch aus hōko no kamae kann der Körper auf einen Angriff reagieren. Das Gewicht ruht auf beiden Füßen, die Arme sind leicht gebeugt über die Schultern gehoben. Mit ihnen fängt man ab, lenkt um oder schlägt.

Angreifende Stellungen

Mit den angreifenden Stellungen geht man von der Verteidigung zum Angriff über. Sie sind nur noch zum Teil verteidigend, zum größeren Teil offensiv. Aus ihnen heraus werden Tritte, Schläge und Würfe ausgeführt.

Jūmonji no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht mit gebeugten Knien, die Fäuste vor der Brust an den Handgelenken gekreuzt, die Ellbogen nach außen.
Jūmonji no kamae (十文字の構え)

Jūmonji no kamae erkennt man leicht an den gekreuzten Handgelenken. Diese Haltung der Hände schützt den Körper im Angriff: Die Ellbogen decken die Rippen, die Fäuste schützen Nacken und Gesicht, bevor sie zuschlagen. Das Gewicht liegt etwas mehr auf dem vorderen Fuß, der hintere schiebt den Körper vorwärts.

Kōsei no kamae

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht mit dem Gewicht hinten, eine Hand offen hoch über dem Kopf erhoben, die andere als Faust vor dem Bauch.
Kōsei no kamae (攻勢の構え)

Kōsei no kamae dient dem Angriff, erlaubt aber auch, Schläge abzufangen. Die vordere Hand greift, lenkt um oder zieht die Aufmerksamkeit des Gegners auf sich. Die hintere Hand führt den Angriff aus.

Weitere Stellungen

Neben den beschriebenen gibt es viele weitere Kampfstellungen. Die folgenden Bilder zeigen fünf davon.

Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht aufrecht, der vordere Fuß leicht vorn, die vordere Faust auf Kopfhöhe nach vorn gestreckt, die hintere Faust vor dem Solarplexus.
Bōbi no kamae
Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht breitbeinig mit leicht gebeugten Knien, beide Hände tief vor den Hüften.
Gedan no kamae (下段の構え)
Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung steht entspannt und hält einen langen Holzstab aufrecht neben sich wie einen Wanderstock.
Gyōja no kamae
Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung sinkt tief ab, der vordere Fuß vorn, die vordere Hand offen auf Augenhöhe erhoben, die hintere Hand offen vor dem Kinn.
Seigan no kamae (正眼の構え)
Ein maskierter Ninja in dunkler Kleidung kniet auf dem hinteren Knie, das vordere Knie aufgestellt, beide Fäuste vor der Brust erhoben, eine vor der anderen.
Tōtoku hyōshi no kamae (刀匿礮姿の構え)