Auf einer herbstlichen Wiese hält ein ruhiger Krieger einen langen Grashalm wie ein Schwert vor sich, ihm gegenüber steht ein Schwertkämpfer mit gezogener Klinge.
Ein Grashalm als Waffe

Kampfregeln

Der beste Kampf ist der, zu dem es nie kommt. Drei Regeln des Ninjutsu, vom geistigen Training bis zur Körperbeherrschung, und neun Hinweise für den Fall, dass er sich nicht vermeiden lässt.

Kapitel
3, Körperliches Training
Abschnitte
4
Lesezeit
4 Min.

Im Film Hero (2002) beschreibt Qin Shi Huang Di (gespielt von Chen Daoming) die Schwertkunst als einen Weg in drei Stufen: Erst wird selbst ein Grashalm in der Hand zur Waffe, dann siegt der Kämpfer mit bloßen Händen, weil er das Schwert im Herzen trägt, und am Ende verzichtet er auf das Schwert in der Hand wie auf das im Herzen, um Frieden zu bringen. Die Kampfregeln des Ninjutsu folgen einem ähnlichen Gedanken. Ihr Ziel ist ein Leben, in dem Konflikte gar nicht erst entstehen, denn der Kampf ist nur das letzte Mittel.

Auf einer herbstlichen Wiese hält ein ruhiger Krieger einen langen Grashalm wie ein Schwert vor sich, ihm gegenüber steht ein Schwertkämpfer mit gezogener Klinge.
Ein Grashalm als Waffe
Ein alter Krieger hat sein Schwert auf einem Stein am Flussufer abgelegt und geht ohne es auf einem Pfad unter blühenden Kirschbäumen auf ein Dorf zu.
Das Schwert ablegen

Erste Regel

Das Leben soll so beschaffen sein, dass der Feind nie auf den Gedanken kommt, einem gegenüberzutreten. Dieses Ziel erreicht man durch geistiges Training.

Manchmal reicht die eigene geistige Ausstrahlung nicht aus, um eine gefährliche Situation zu verhindern. Dann bleibt noch die Möglichkeit, die Gefahr erfolgreich zu übersehen. Das bedeutet: Der Kämpfer unterdrückt seine Gefühle und nimmt die Bedrohung ohne innere Anteilnahme wahr. So bleibt sein Geist klar, und er kann seine Reaktion in Ruhe abwägen.

Gewöhnlich hält ein starkes Unbehagen an, bis eine Gefahr vorübergezogen ist. Wer sich aber erhebt und der Bedrohung schnell ein Ende setzt, findet rasch zu Ruhe und Entspannung zurück.

Solche Situationen zu ertragen und daraus zu lernen, also Niederlagen, Angst oder Demütigungen hinzunehmen, um das zu erreichen, was man will, ist tief im Ninjutsu verwurzelt. Die Silbe nin 忍 bedeutet „Ausdauer, ausharren, ertragen, zurechtkommen mit“. Es ist eine der schwersten Übungen, denn vor allem im Angesicht des Todes auszuharren, kostet große Überwindung.

Zweite Regel

Der Kämpfer muss seine Gefühle so weit überwinden, dass er sich nicht automatisch verteidigt, wenn gar keine Verteidigung nötig ist. Auch dieses Ziel erreicht man durch geistiges Training. Erst wenn es nicht gelingt, die Bedrohung im Keim zu ersticken oder sie wenigstens ohne negative Folgen vorüberziehen zu lassen, kommen aktive Maßnahmen zur Verteidigung in Betracht.

Dann gilt das Prinzip „Schütze deinen Gegner“. Einen Gegner schwer zu verletzen, ist oft leichter, als ihn nur ins Leere laufen oder mehrere Gegner ineinanderlaufen zu lassen. Wer den Gegner zu schützen versucht, und zwar vor dessen eigenen Taten, kann nicht als Übeltäter hingestellt werden, wenn der Gegner sich verletzt. Verletzt er sich selbst, bleibt die eigene Weste rein.

Bei Ninjutsu denken viele Menschen zuerst an körperliche Kampftechniken. Tatsächlich stehen sie erst an dritter Stelle. Der Kampf ist der am wenigsten geeignete Weg zu einem harmonischen und natürlichen Leben. Wenn er beginnt, hat man bereits eine Niederlage erlitten. Und „wer mit Gewalt lebt, wird durch Gewalt sterben“.

Trotzdem beginnt die Ausbildung im Ninjutsu meist mit dem körperlichen Training. Ein solides Wissen über die körperlichen Gegebenheiten ist die Voraussetzung für geistiges Wachstum. Im Nahkampftraining lernt der Schüler seine eigenen Gefühle und Stimmungen in Auseinandersetzungen kennen und verstehen.

Wünschenswert wäre dennoch, dass sich viele Kämpfer früher den geistigen Seiten ihrer Kunst widmen.

Dritte Regel

Ein wichtiges Ziel der eigenen Entwicklung ist es, die körperlichen Fähigkeiten so zu vervollkommnen, dass man jede Auseinandersetzung erfolgreich übersteht. Dieses Ziel erreicht man durch Körpertraining.

Ninjutsu umfasst zahlreiche Elemente der Selbstverteidigung und eine ganze Reihe körpereigener Waffen. Zusammen mit Waffentechniken, Dynamik, Energiegewinnung und anderen Aspekten verschmelzen sie zu einem einzigartigen Kampfsystem. Ein Halbkreisfußtritt fühlt sich genauso an wie ein Schwerthieb. Ninjutsu ist darum eher eine Reihe von Gefühlen als eine Sammlung von Techniken.

Jeder Mensch ist einzigartig, in seiner Statur wie in seiner geistigen Verfassung. Deshalb zwingt das Ninjutsu seine Schüler nicht, starre Bewegungsfolgen nachzuahmen. Es gibt ihnen Leitlinien, mit denen sie ihre natürlichen gefühlsmäßigen und körperlichen Reaktionen entwickeln.

Hinweise für den Kampf

Lässt sich ein Kampf nicht vermeiden, gelten immer die folgenden Punkte:

  • Ganz da sein. Der Kämpfer ist zu hundert Prozent bei der Sache. Er hält sein Bewusstsein fest, als gäbe es sonst nichts auf der Welt. Nur das Ziel zählt, auf das sich die ganze Konzentration richtet. Der Geist darf nicht umherwandern.
  • Tiefer Schwerpunkt. Der Körperschwerpunkt bleibt so tief wie möglich, ohne dass die Bewegungen an Fluss verlieren. Die Kraft darf sich nicht in den Schultern oder im Oberkörper sammeln.
  • Locker bis zum Schluss. Die Bewegungen sind flüssig und entspannt, die Kraft wird erst im letzten Moment abgegeben. Wer eine Technik von Anfang an mit angespannten Muskeln ausführt, verkrampft.
  • Das ganze Gewicht. Hinter jedem Schlag liegt das gesamte Körpergewicht. Nie mit einzelnen Gliedmaßen kontern.
  • In Bewegung bleiben. Niemals in einer starren Stellung verharren. Die Fußarbeit ist schnell und der Lage angemessen.
  • Im Rhythmus atmen. Der richtige Atemrhythmus spart Kraft und hilft, sie zurückzugewinnen. Bei der Ausführung einer Technik ausatmen, beim Rückzug und bei vorbereitenden Bewegungen einatmen.
  • Den Gegner im Blick. Auf die Blickrichtung achten und den Gegner ständig im Auge behalten. Wer sich auf die eigene Technik konzentriert, bemerkt nicht, wie der Gegner seine Angriffsweise ändert.
  • Den Sinn im Auge. Den Zweck einer Technik nie aus dem Blick verlieren und an keiner Technik festhalten, die längst nicht mehr passt.
  • Jeden Moment nutzen. Jeden Augenblick nutzen, um Wissen und Kraft zu mehren. Nicht um des Übens willen üben oder um sich zu disziplinieren.