Nachts vor dem Holztor einer Fabrik mit Backsteinmauern und rauchendem Schornstein steht ein alter Mann mit Laterne einem jungen Mann in dunkler Uniformjacke gegenüber.
Der Nachtwächter in der Zündholzfabrik

Moderne Geschichte

Nach dem Zweiten Weltkrieg verboten die Amerikaner die Kampfkünste weitgehend. Das Wissen der Ninja überlebte trotzdem – über einen Nachtwächter, einen Abenteurer in China und dessen Schüler Hatsumi.

Kapitel
1, Geschichte
Abschnitte
7
Lesezeit
4 Min.

Kriegskünste nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg verboten die Amerikaner in Japan die Kampfkünste weitgehend. Das Ninjutsu überlebte trotzdem. Eine kleine Gruppe unauffälliger, interessierter Männer gab die Lehren der Ninja im Geheimen weiter.

Viele Ryū dagegen starben aus. Ihr letzter Großmeister hatte keine Nachkommen, die seine Tradition hätten weitertragen können. Deshalb vernichteten viele Meister vor ihrem Tod die alten Schriftrollen und Manuskripte.

Schon in den ruhigen Jahrzehnten davor hatten sich viele Kampfkünste verändert. Sie wurden vergeistigt: Aus jutsu 術 „Kunst“ wurde dō 道 „Weg, Pfad, Grundsatz“.

Ishitani Takakage Matsutaro

Nicht jeder Meister nahm diesen Wandel hin. Einige trauerten der Zeit nach, in der man noch echte Kampfkünste unterrichtet hatte.

Zu ihnen gehörte Ishitani Takakage Matsutaro, ein chūnin 中忍 des Iga-Ryū (伊賀流) und 26. Großmeister des happō hiken 八法秘剣 im Kukishinden-Ryū (九鬼神伝流). Dass die Künste zum Sport oder zu Zen-Bewegungen herabgestuft wurden, verachtete er, und er stellte sich gegen diese Neuerung. Am Ende hatte er weder Schüler noch Dōjō. Resigniert wollte er den Rest seines Lebens als Anachronismus verbringen. Er erwog sogar, seine geheimen Schriftrollen und Waffen vor seinem Tod zu zerstören, damit die Techniken nicht in falsche Hände gerieten.

Ishitani suchte die Verborgenheit und fand sie in einer Stelle als Nachtwächter. Die Zündholzfabrik in Kōbe, die er bewachte, gehörte der Familie Takamatsu. Dort lernte er den jungen Sohn der Familie kennen, Takamatsu Toshitsugu. Über Umwege erfuhr Ishitani, dass der Junge bereits koppō jutsu 骨法術 des Kotō-Ryū (虎倒流) und daken taijutsu 打拳体術 des Shinden-Fudō-Ryū (神伝不動流) lernte – bei seinem Großvater Toda Shinryūken Masamitsu.

Nachts vor dem Holztor einer Fabrik mit Backsteinmauern und rauchendem Schornstein steht ein alter Mann mit Laterne einem jungen Mann in dunkler Uniformjacke gegenüber.
Der Nachtwächter in der Zündholzfabrik

Ishitani trainiert Takamatsu

Ishitani bot dem jungen Takamatsu an, ihn in die Geheimnisse des Kukishinden-Ryū einzuweihen. Takamatsu griff begeistert zu und wurde sein Schüler.

Der Unterricht folgte einer festen Reihenfolge. Zuerst lernte Takamatsu die acht Teile der Methode happō, danach die Methode hiken 秘剣, die geheimen Schwerttechniken. Geübt wird dabei mit dem Schwert, dem kurzen Schwert und der jutte 十手.

Toshitsugu trainierte hart. Nach dem Tod seines Lehrers wurde er der 27. Großmeister des Kukishinden-Ryū.

Toda Shinryūken Masamitsu

Parallel dazu unterrichtete ihn Toda Shinryūken Masamitsu, der 32. Großmeister des Togakure-Ryū (戸隠流). Nach der Überlieferung des Bujinkan war Toda früher Schwertlehrer der Tokugawa-Regierung gewesen und hatte den Samurai des Shōgun die Schwertkunst beigebracht.

Mit 21 Jahren wurde Takamatsu für untauglich zum Militärdienst erklärt. Der Grund war ein zerrissenes Trommelfell, eine Verletzung aus einem der zahllosen Kämpfe seiner Jugend. Takamatsu beschloss, nach China zu gehen.

Takamatsu Toshitsugu geht nach China

Eine Laufbahn in der Zündholzfabrik verlor neben den Abenteuern, die in China warteten, jeden Reiz. Japan befand sich im Umbruch, und Takamatsu glaubte, in China bessere Möglichkeiten zu finden. Er durchquerte das Land und musste seine Kampfkunst immer wieder im Ernstfall gegen die unterschiedlichsten Gegner einsetzen. Oft rettete sie ihm das Leben.

Die chinesischen Boxer, mit denen er trainierte, gaben ihm einen Beinamen: Mongolischer Tiger.

In einem Hof stehen sich ein junger Mann in schwarzer Jacke und ein chinesischer Kämpfer mit Zopf in tiefen Kampfstellungen gegenüber, ringsum schaut eine dichte Menge in langen Gewändern zu.
Der Mongolische Tiger in China

Nach den Wanderjahren kehrte er nach Japan zurück und zog in die Berge. In ihrer Einsamkeit wollte er sich vervollkommnen. Mit 30 Jahren wurde er auf dem Berg Hiei bei Kyōto Priester des mikkyō 密教 der Tendai. Dieses Wissen führte ihn tiefer in die Philosophie der Ninja und ihre esoterischen Geheimnisse. So gerüstet trat er endgültig den Heimweg an und wurde schließlich der 33. Großmeister des Togakure-Ryū-Ninjutsu.

Hatsumi Masaaki

Hatsumi Masaaki war sieben Jahre alt, als er mit dem Kampftraining begann, zuerst mit dem bokutō 木刀 seines Vaters. In seiner Jugend probierte er alle populären japanischen Kampfkünste aus und erreichte später Meistergrade in Karate, Aikidō und Jūdō. Neben den Kriegskünsten galt seine Leidenschaft vor allem dem Theater.

Nach dem Krieg sah Hatsumi mit Entsetzen, wie schnell und begierig die amerikanischen Besatzungssoldaten die Techniken des Jūdō lernten. Mit ihrer Körpergröße und ihrer natürlichen Athletik schafften sie in Monaten, wofür ein Japaner Jahre brauchte. Welchen Sinn hatte ein System, in dem andere einen allein mit Körperkraft übertreffen konnten? Hatsumi war überzeugt, dass es irgendwo eine wahre Kampfkunst geben musste, mit der man aus jeder Lage als Sieger hervorging.

Takamatsu trainiert Hatsumi

Die Spur zu ihr kam von seinem Trainer im kobudō 古武道. Er erzählte Hatsumi von einem Lehrer namens Takamatsu Toshitsugu aus der Stadt Kashihara im Westen der Iga-Gegend. Hatsumi suchte keinen Sport zur Körperertüchtigung und kein starres System lebloser kata 型, sondern eine lebendige Kriegskunst. Bisher hatte er vergeblich nach einem Lehrer gesucht, der sie ihm beibringen konnte. Also machte er sich auf und reiste einmal quer über Honshū.

Ein junger Mann in weißem Hemd und heller Hose geht mit einer Umhängetasche einen Feldweg entlang, vorbei an Reisfeldern auf ein Dorf vor bewaldeten Bergen zu.
Der lange Weg zum Lehrer

Takamatsu war damals schon weit über sechzig, ein Veteran unzähliger Kämpfe. In dem jungen Mann vor ihm traf er seinen künftigen geistigen Nachfolger und den nächsten Großmeister des Ninjutsu.

Jahrelang ging Hatsumi durch ein hartes Training. Sein Lehrer war gütig, hatte aber die Hände eines Tigers. Am Ende erbte Hatsumi den Titel des Großmeisters der neun Ryū, die Takamatsu Toshitsugu verkörpert hatte.