
Ursprünge des Ninjutsu
Die Leute hielten Waldgeister für die Lehrer der Ninja. Tatsächlich kamen die Wurzeln des Ninjutsu wohl aus China, und aus Bergasketen wurden mit der Zeit Spione.
- Kapitel
- 1, Geschichte
- Abschnitte
- 6
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- 4 Min.
Dämonen des Waldes
Tief in den verfluchten Wäldern Japans lebten, so hieß es, die tengu 天狗 „Himmelhund“
: geflügelte Fabelwesen mit langen Nasen, Dämonen des Waldes aus der japanischen Sagenwelt.
Die Bewohner erzählten sich voller Furcht Geschichten über die Ninja. Die tengu seien ihre Vorfahren und hätten ihnen die Kampfkunst beigebracht. Die Ninja galten als Magier, Zauberer, Dämonen. Ein Ninja sei unsterblich und unverwundbar. Er könne durch Wände gehen, fliegen und verschwinden, wann immer er wolle. Besiegen könne ihn niemand.
Die Ninja genossen diesen Ruf. Er hielt ihnen die Neugierigen vom Leib und schützte ihre Anonymität.
Nicht selten starb ein junger Samurai in seinem ersten Kampf gegen einen Ninja. Das lag nicht daran, dass der Ninja besser kämpfte. Den Samurai lähmte die eigene Furcht, und der Aberglaube lenkte ihn.
Entstehung in China
Über die Anfänge des Ninjutsu ist bis heute vieles unsicher. Die allerersten Wurzeln liegen höchstwahrscheinlich auf dem chinesischen Festland. Flüchtlinge brachten die Ideen von dort nach Japan.
Dafür spricht unter anderem, dass es Ninjutsu angeblich auch in Korea und China gab, dort als Lin Kuei.
Eines der ersten Werke über Spionage ist wohl der über 2000 Jahre alte Kriegsklassiker Die Kunst des Krieges, den die Überlieferung Sun Tzu zuschreibt. Die Schrift gelangte früh nach Japan und floss wohl in die Anfänge des Ninjutsu ein. Auch aus Indien und Tibet kamen Einflüsse hinzu, etwa das kuji-in 九字印, mantra 真言, mikkyō 密教 und mandala 曼荼羅.
Der erste shinobi
Der Überlieferung nach setzte der Prinzregent Shōtoku Taishi (574–622 n. Chr.) als Erster Agenten ein, um bei Streitfragen die wahren Hintergründe zu erfahren. Unter seiner Herrschaft soll auch der Name Ninjutsu oder shinobi no jutsu 忍びの術 entstanden sein; zeitgenössische Quellen berichten davon nichts.
Einer seiner Feldherren, Ōtomo no Saijin, soll Kundschafter ausgeschickt und mit ihren Informationen einige große Siege errungen haben. Shōtoku Taishi ernannte ihn daraufhin, so heißt es, zum shinobi 忍び, was so viel bedeutet wie „sich verstecken“
oder „sich tarnen“
.
Ursprünglich war Ninjutsu wohl nichts weiter als Kundschafterei. Erst während der Heian-Zeit (794–1185) wurde daraus eine tödliche Kunst.
Ninjutsu und Buddhismus
Der Überlieferung nach brach nach Shōtokus Tod in Japan ein grausamer Streit zwischen Buddhisten und Shintoisten aus. Beide Lehren wollten die neue Staatsreligion werden, und der Streit mündete in einen Bürgerkrieg. Ein yamabushi 山伏 namens En no Gyōja (役行者) trat an die Öffentlichkeit. Mit einer neuen Strömung des Buddhismus, dem shugendō 修験道, wollte er die Ordnung wiederherstellen. Beim Volk fand die neue Religion großen Anklang. Der Adel fürchtete, die yamabushi könnten die Staatsmacht an sich reißen, und stellte eine große Streitmacht gegen sie auf.
Gegen diese Übermacht zogen sich die Priester in die Berge um Kyōto zurück. Dort führten sie ihren Krieg weiter, nach den Regeln der chinesischen Militärtaktik.
Die Krieger aus den Bergen
Die Jahre der Verfolgung hindurch entkamen die yamabushi den Truppen immer wieder, und man erzählte sich erstaunliche Dinge über sie.
Sie gingen über glühende Kohlen und tauchten die Hände in siedendes Wasser, ohne sich zu verbrennen. Sie löschten plötzliche Feuersbrünste und brachten kaltes Wasser in Sekunden zum Kochen. Die Schwerter ihrer Feinde bannten sie so fest in die saya 鞘 „Schwertscheide“
, dass keine Kraft sie herausziehen konnte. Dieses shugendō, der Weg der wunderbaren Erweisung durch Askese, schützte die Kriegermönche vor den Truppen.
Von den yamabushi lernten die Ninja die mudrā 印相 „Siegel“
oder „Zeichen“
, eine Reihe von 81 Fingergesten, die bestimmte Bereiche der Psyche steuern sollen. Mit ihnen beherrschten die Ninja Gefühle wie Angst, Hunger, Kälte und Schmerz, schärften ihre Sinne und sammelten ihre Konzentration. Die mudrā stammen aus Indien. Jede ist der körperliche Ausdruck eines bestimmten Bewusstseinszustandes.
Im Ninjutsu fanden davon nur neun Gesten Anwendung. Sie heißen kuji-in, die neun grundlegenden Gesten der Hand.
In der Heian-Zeit (794–1185) erlebte das onmyōdō 陰陽道 „Wahrsagen und Astrologie“
in Japan seine Blüte und brachte das Ninjutsu einen weiteren Schritt voran. Das onmyōdō war eine alte, übergreifende Wissenschaft aus Elementen der chinesischen Wahrsagerei und Astrologie.
Die Rolle der Ninja im Mittelalter
Bis zum Mittelalter hatte das Ninjutsu langsam eine andere Richtung eingeschlagen. Immer seltener lernten die Schüler die tiefen Grundlagen des shugendō und der anderen Wissenschaften. Es dauerte oft ein ganzes Leben, eine dieser Techniken auch nur annähernd zu vervollkommnen.
Viele Fürsten pflegten engen Kontakt zu den Kriegern der Berge, darunter die mächtige Familie Genji (ein anderer Name für die Minamoto). Immer häufiger waren die Ninja für kleinere Spähaufträge gefragt. Die Begriffe Ninja und Ninjutsu waren zu dieser Zeit noch nicht gebräuchlich. Es dauerte noch eine Weile, bis sich die Mitglieder dieser Clans selbst als Ninja sahen.
Um das Ninjutsu zu verbessern und Agenten schneller auszubilden, kamen neue Elemente hinzu. Die älteren Künste, die nur mühsam und in langer Arbeit zu erlernen waren, wichen nach und nach körperlichen und psychischen Meisterleistungen, optischen Täuschungen und Taschenspielertricks.
Ausgefeilte Techniken, eine effiziente und auf ihre Tödlichkeit erprobte Kampfkunst und die Beherrschung des eigenen Körpers machten den Ninja zu einem fast unbesiegbaren Kämpfer. Sein Ruf säte Furcht und Schrecken in den Reihen seiner Feinde.
Fest etabliert war das Ninjutsu erst in der Mitte der Heian-Zeit.
In der Provinz Iga legte die Familie Hattori den Grundstein für ihre Iga-Ninjutsu-Schule.